Der Adventssonntag im Hospiz

Als ich vor einem Jahr am Sonntagmorgen aus dem Fenster herausschaute, fing es gerade an zu schneien. Das war wunderbar, denn meine Mutter liebte Schnee im Winter sehr (ich übrigens auch). Es war ihr Traum, noch einmal Schnee zu schippen. Das kam jetzt natürlich nicht mehr in Frage – aber so würde sie zumindest noch einmal Schnee sehen. Ich packte also meine Sachen zusammen (CD-Player, CDs, Mittagessen für mich, etwas Gebäck für den Nachmittag, das Adventsgesteck) und machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Der Schnee hatte allerdings auch zur Folge, daß erst einmal kein Bus fuhr (bei Schnee auf den Wuppertaler Höhen nicht ungewöhnlich) und so habe ich mir – ausnahmsweise – ein Taxi bestellt.

Im Hospiz lag meine Mutter mit einem großen und unbequem aussehenden Gummikissen im Bett. Das Gummikissen sollte ihr wohl das Liegen irgendwie erleichtern, richtig begeistert wirkte sie aber nicht. Den größten Teil des Tages schlief sie. Ich habe den CD-Player angeschlossen, ihre Lieblingsweihnachts-CDs eingelegt, mir einen Tee gemacht und dann wieder mit einem Buch an ihr Bett gesetzt. So habe ich viele Stunden verbracht. Gelegentlich bin ich ans Fenster getreten, habe nach draußen in den Schnee geschaut. Manchmal kamen auch Tränen, auch dann habe ich rausgeschaut.

Irgendwann am Nichmittag kam jemand vom Hospiz um zu fragen, ob meine Mutter das Adventssingen mitmachen oder hören möchte. Nein, sagte meine Mutter – sie habe heute schon so wunderbare Weihnachtsmusik gehabt. Es war schön zu wissen, daß sie im Schlaf die von ihr so geliebte Weihnachtsmusik wahrgenommen hat, daß sie das, was ich mitgebracht habe, bemerkt hat. Am Nachmittag war sie etwas wacher, da haben wir noch länger miteinander gesprochen. Es waren keine wichtigen Dinge mehr, alles wirklich Wichtige hatten wir irgendwie schon gesagt. Aber es war schön, mit ihr zu sprechen und mit ihr den Adventssonntag zu genießen.

An diesem Tag durfte ich relativ lange bleiben. Erst am Abend schickte sie mich fort.

3. Dezember – Legendär….

Kennt Ihr Huberta? Oder die Legende von Huberta? Ich bin Huberta in Südafrika „begegnet“ – wobei ich schon in Deutschland etwas über sie gelesen hatte. Ich habe daher ganz gezielt nach ihr gesucht! Huberta ist nämlich ein legendäres Nilpferd (oder auch ein „Hippo“). Irgendwann ab 1928 wanderte „Huberta, the Hippo“ Richtung Süden. Sie wanderte und wanderte und wanderte – insgesamt drei Jahre und gewann so viel Aufmerksamkeit in Südafrika (sie war sozusagen eine tierische Influencerin) . Aus dieser (wahren) Geschichte (https://www.atlasobscura.com/places/Huberta-the-Hippo) hat Meg Jordan ein wunderbares Buch gemacht, in dem Huberta ganz viele afrikanische Tiere kennenlernt, sich mit ihnen unterhält und dann wieder weiterreist. Ich liebe dieses Buch (https://biblio.co.uk/book/legend-huberta-jordan-meg/d/792804804) sehr und kann es Nilpferdliebhabern nur empfehlen! Es ist interessanterweise auch ein Buch, das stark dazu anregt, über Natur und Wildnis in Afrika (aber natürlich auch bei uns) nachzudenken. Und Nachdenken ist ja immer gut!

Ich wünsche Euch noch einen schönen 3. Dezember!

Der erste Tag im Hospiz

Der Samstag (02.12.) war der erste Tag, den meine Mutter vollständig im Hospiz verbracht hat. Am Vormittag habe ich zunächst ein paar Dinge erledigt, dann habe ich mich mit einem Radio, mehreren Teegläsern, einem Teesieb und Tee auf den Weg zu meiner Mutter gemacht. Das Radio war wichtig, denn meine Mutter hat immer (im Gegensatz zu mir) sehr gerne Radio gehört.

Ich habe den ganzen Nachmittag bei und mit meiner Mutter verbracht. Das allererste Mal in der langen Zeit ihrer Erkrankung verbrachte sie den ganzen Tag im Nachthemd und im Bett. Nicht, daß das schlimm gewesen wäre, nein, es fiel mir nur einfach auf. Meine Mutter freute sich über das Radio und wir haben dann Radio gehört (vor allem die Fußballergebnisse, die sie noch immer interessierten). Wir haben wenig gesprochen, aber sie hat mich immer wieder angelächelt. Ich saß in einem Sessel an ihrem Bett, trank Tee und las ein Buch. Irgendwann gegen Abend hat sie mich dann – wieder – nach Hause geschickt. Ein guter Zeitpunkt, um noch ein paar Einkäufe zu tätigen. Einen CD-Player, einen Adventskranz für mich und ein kleines Gesteck für meine Mutter, die Zutaten für Entengulasch und ein kleines Mittagessen für meine Zeit im Hospiz. Am Abend habe ich mein Entengulasch gekocht und die Lieblings-Weihnachtsmusik-CDs meiner Mutter herausgesucht. Es klingt nach wenig, aber ich war in diesen Tagen sehr müde…..

2. Dezember – Ein trocken murrendes Miau

Was macht man, wenn man einen Kater erbt? Der Müllerssohn war verständlicherweise erst einmal wenig begeistert und dachte daran, sich aus dem Fell Handschuhe machen zu lassen. Glücklicherweise hatte er einen klugen Kater geerbt und dieser kluge Kater machte ihm einen (auf den ersten Blick) irritierenden Vorschlag: laß mir Stiefel machen und ich werde Dir helfen. Gesagt, getan und bestimmt habt Ihr schon erkannt, wer der berühmte Kater ist, oder? Es ist – natürlich – der gestiefelte Kater! (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-schonsten-kinder-und-hausmarchen-6248/93). Der Müllerssohn wurde irgendwann König, der Kater aber – der übrigens den illustren Namen Hinz von Hinzenfeldt trug – Minister. Woher ich den Namen weiß? Der etwas angeberische und schwatzhafte Murr hat ihn mir verraten, denn es handelt sich wohl um einen seiner Vorfahren. Geduldig ließ ich mir seine Erlebnisse und Ansichten erzählen – auch wenn ich ihn immer ein bißchen egozentrisch fand (http://gutenberg.spiegel.de/buch/lebensansichten-des-katers-murr-3095/1).

Viel sympathischer und „praktischer“ fand ich da doch Alphonse (https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Les_Contes_du_chat_perch%C3%A9). Alphonse gehört den Eltern von Delphine und Marinette. Wenn Alphonse sich mit der Pfote am Ohr kratzt, dann gibt es Regen. Eines Tages zerbrechen Delphine und Marinette beim Spielen einen sehr alten Teller. Die Eltern, die gerade vom Feld zurückkommen, sind sehr ärgerlich. Zur Strafe sollen die beiden die böse alte Tante besuchen – und zwar am nächsten schönen Tag. Alphonse hilft den beiden – es regnet und regnet und regnet, weil er sich ständig mit seiner Pfote am Ohr kratzt. Der Zorn der Eltern, die nun nicht mehr auf dem Feld arbeiten können, richtet sich schnell gegen Alphonse. Er soll mit einem großen Stein in einem zugenähten Beutel in den Fluß geworfen werden. Delphine und Marinette sind ratlos. Aber gemeinsam mit den Tieren des Hofes finden Sie einen Weg, Alphonse zu retten, ohne daß die Eltern das merken. Aber: es regnet jetzt nicht mehr….Wir wissen jetzt also: irgendjemand hat auch in diesem Jahr Alphonse schlecht behandelt…..

Immerhin ist es Alphonse besser ergangen als der Katze, die sich dem Esel und dem Hund anschloß. Wer hätte gedacht, daß diese Clique in Bremen ihr Glück findet und nächstes Jahr sogar den 200. Geburtstag feiert(http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-schonsten-kinder-und-hausmarchen-6248/161)?

Feiern ist natürlich ein gutes Stichwort – denn heute feiern wir den 1. Advent. Ich wünsche Euch jedenfalls einen zauberhaften Adventssonntag und 2. Dezember!

1. Dezember: Ein Bär tappst durch den Wald…..

Kennt Ihr die Geschichte von der Todesliste des Bären? Eigentlich ist ja der kleine Hase der Held der Geschichte – aber ich mag die Geschichte (https://www.zeitblueten.com/news/die-todesliste-des-baeren/) so sehr, daß ich mit ihr beginnen möchte! Was kann alles Positives passieren, wenn wir neugierig sind……

Der Bär als Lehrer? Ja, es gibt einen – eigentlich sogar zwei – Bären, die literarisch in dieser Rolle auftreten. Winnie the Pooh (Pu der Bär) von A. A. Milne erinnert mich beim Blättern immer wieder an die grundlegenden Dinge des Lebens, an das was schön und wertvoll ist. Ein guter Lehrer, oder? Aber viel deutlicher zeichnet sich doch Baloo – der von Rudyard Kipling geschaffene Bär im Dschungelbuch als Lehrer aus. Könnte das Menschenkind ohne Baloo überleben? Wohl nicht und ich habe Baloo (nicht nur aus der Disney-Filmversion) als „guten Lehrer“ in Erinnerung.

Mein Lieblingsbär ist allerdings ein anderer – es ist „Hal Jam“ aus William Kotzwinkles „The bear went over the Mountain“ (https://www.penguinrandomhouse.com/books/95270/the-bear-went-over-the-mountain-by-william-kotzwinkle/9780307822321). Stellt Euch vor, Ihr tappst auf der Suche nach Futter durch den Wald. Ihr findet eine Aktentasche, nehmt sie hoffnungsvoll mit und was findet ihr in der Tasche? Nein, kein Futter – sondern ein Manuskript….. Und plötzlich macht sich der Bär auf den Weg, ein berühmter Autor zu werden….. Eine geniale Geschichte!!

Kennt Ihr noch irgendwelche literarischen Bären?

Viel Spaß beim nächsten Waldspaziergang, immer gute Fragen und einen schönen 1. Dezember!

Adventskalender 2018

Seit 2011 veröffentliche ich auf diesen Seiten fast jedes einen kleinen Adventskalender. Fast jedes Jahr, denn letztes Jahr habe ich ausgesetzt. Ich hatte ein Thema, ich hatte auch Ideen zum Thema gesammelt, aber plötzlich (siehe #Erinnerungen2017) standen ganz andere Dinge im Vordergrund. Ja, so ist das Leben.

Aber dieses Jahr möchte ich die „Tradition“ wieder aufgreifen. Schon im Sommer habe ich mir ein „Thema“ ausgesucht und seitdem immer wieder gesammelt (aber noch nicht geschrieben). Bis zum 24.12. möchte ich Euch Bücher, Gedichte oder Geschichten vorstellen, in denen Tiere vorkommen. Ich wünsche Euch ein tierisches Vergnügen beim Lesen!

Aus dem Haus…..

Der 1. Dezember ist vermutlich der Tag, den ich nie in meinem Leben vergessen werde. Es war der Tag, der die bis dahin größte Herausforderung meines Lebens mit sich brachte – meine Mutter ins Hospiz zu begleiten.

Am Morgen habe ich noch in der LVQ unterrichtet. Ich mußte sehr früh los und dementsprechend früh mußte ich meine Mutter wecken, ihr beim Waschen und Anziehen helfen, sie runter in die Küche bringen, ein letztes Mal Frühstück machen, sie noch einmal zur Toilette bringen, sie dann ins Wohnzimmer auf ihren Platz bringen, etwas zum Essen und Trinken bereitstellen und dann selber auch noch rechtzeitig aus dem Haus kommen. Es dauerte alles länger als gedacht, trotzdem habe ich es geschafft, um kurz vor 6 Uhr aus dem Haus zu gehen.
Die Zeit bis ich das Haus verlassen habe war so voll mit Tätigkeiten, daß ich gar nicht groß zum Nachdenken gekommen bin. Erst unterwegs hatten die Gedanken „freie Bahn“…..
In Mülheim angekommen war ich den Tränen nahe. Ich bat in der Küche, daß mich heute keiner irgendwie anspricht, weil ich nachher meine Mutter ins Hospiz bringe. Ich kann mich noch an die betroffenen Gesichter erinnern. Und es war gut, daß mich an dem Tag alle in Ruhe gelassen haben.
Um 8 Uhr ging es dann in den Unterrichtsraum – der zweite Tag des Social-Media-Kurses. Mit brechender Stimme und unter Tränen habe ich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kurses mitgeteilt, daß ich an diesem Tag nur bis kurz nach 12 Uhr persönlich da sein würde, der Rest des Kurses werde im Rahmen von Gruppenarbeiten erfolgen, da ich am Nachmittag meine Mutter ins Hospiz bringen werde. Der Kurs reagierte sehr verständnisvoll, ich habe mich einmal umgedreht, die Tränen weggewischt, mich geräuspert und dann die rechtlichen Themen bearbeitet. Es war nicht einfach und es war sicher nicht der „beste“ meiner Kurstage, aber es hat funktioniert.

Kurz nach 12 Uhr habe ich mich dann auf den Rückweg gemacht, um rechtzeitig zurück zu sein, um meine Mutter zu begleiten. Alle Bahnen waren an diesem Tag pünktlich und ich kam so früh zuhause an, daß ich noch eine Stunde mit meiner Mutter zusammen hatte. Zeit, noch ein paar Dinge in ihren Koffer zu packen, ihr beim Umziehen zu helfen und auch Zeit für einen sehr persönlichen Abschied. Es war sehr berührend, als meine Mutter kurz vor dem Eintreffen des Krankenwagens zu mir sagte „Es war schön mit Dir!“. Wir haben uns umarmt und mir liefen (genauso wie heute beim Schreiben dieser Zeilen) die Tränen. Es ist dieser Satz, der mich seitdem durch alle schlimmen Zeiten wunderbar begleitet.

Um kurz nach drei Uhr kam der Krankenwagen für die Fahrt zum Hospiz. Mit Hilfe des netten Teams konnte meine Mutter das Haus ein letztes Mal auf ihren eigenen Beinen verlassen. Sie hat sich nicht umgedreht, ich habe darauf geachtet und irgendwie kann ich das gut verstehen.
Im Krankenwagen saßen wir uns gegenüber. Es war meine erste Fahrt mit einem Krankenwagen und das Neue dieser Umgebung half mir, nicht in Tränen auszubrechen, sondern mich neugierig umzusehen und – soweit möglich – den Fahrtweg zu verfolgen. Bald schon kamen wir im Hospiz an und meine Mutter bezog ihr Zimmer. Sie war verständlicherweise nach dem langen Tag sehr müde und wollte sofort ins Bett. Die Menschen im Hospiz haben sich sehr liebevoll um sie gekümmert, sie gewaschen und bettfertig gemacht, während ich den Koffer ausgepackt habe. Bald schon hat sie mich nach Hause geschickt – das war typisch für sie und in dem Bewußtsein, daß sie dort gut aufgehoben ist, bin ich alleine nach Hause zurückgekehrt.

Es war ein schwerer aber auch ein guter Tag – vor allem, weil ich es geschafft habe, sie ohne Tränen auf diesem letzten Weg zu Lebzeiten zu begleiten. Und ja, ich denke gerne an diesen Tag und an diesen einen besonderen Satz „Es war schön mit Dir!“ zurück.

Der Anruf…

Es war der frühe Nachmittag am 30.11.2017. Der SAPV rief an und teilte mit, daß meine Mutter am nächsten Tag einen Hospizplatz haben könne. Sie wollten wissen ob sie den Platz haben will? Ich habe sie sofort gefragt und ja, sie wollte. Viele Telefonate folgten an diesem Nachmittag – Abbestellung des bestellten Pflegebetts und der Matratze, zeitliche Koordination, Klärung meiner Dozententätigkeit am Freitag – wir haben uns auf einen halben Tag Unterricht und dann Gruppenarbeit geeinigt, weil meine Mutter erst am Nachmittag ins Hospiz kommen sollte und der Kurs so nicht komplett ausfallen würde . Dann habe ich ihre Schwester angerufen und die beiden haben ein letztes Mal miteinander gesprochen. Schließlich Koffer packen. Für meine Mutter fühlte sich der Gang ins Hospiz irgendwie wie eine große Reise an. Sie wollte so viele Sachen mitnehmen, daß ich ganz verwundert war. Aber mir war das egal. Ich hätte auch zwei große Koffer gepackt, wenn sie das glücklich gemacht hätte. Ein richtig großer Koffer war am Ende randvoll und lag im Wohnzimmer in Ihrem Blickfeld, so daß sie immer sehen konnte, was ich da wo und wie einpackte. Zwischendurch rief auch noch die beste Freundin meiner Mutter aus Süddeutschland an. Sie hatte wohl gefühlt, daß irgendetwas war. Meine Mutter wollte nicht mehr telefonieren (ihr fiel das Sprechen schwer) und so habe ich sie informiert (natürlich unter Tränen, ich bin extra aus dem Wohnzimmer gegangen).
Es war ein komisches Gefühl zu wissen, daß meine Mutter in nicht einmal 24 Stunden ihr geliebtes Haus für immer verlassen würde. Gleichzeitig war es ein guter Zeitpunkt, denn ich hätte sie kurzfristig nicht mehr alleine über die Treppe nach oben ins Schlafzimmer bekommen. Alles gut also? Ja, zwar traurig – aber alles gut, eben weil dies auch der Wunsch meiner Mutter war. Sie hat sich auf die Zeit im Hospiz gefreut – besser konnte es nicht sein, sowohl für sie selbst als auch für mich!

Der SAPV ist im Boot….

Ab dem 23.11. kam täglich jemand vom SAPV vorbei. Einmal pro Woche ein Arzt, täglich eine Fachkraft (eine Schwester). Dabei gab es nie feste Zeiten, denn der Umgang mit Todkranken und Sterbenden läßt sich zeitlich nicht exakt planen. Auf die wenigen Termine, die ich nicht beeinflussen konnte, haben die Teammitglieder aber wunderbar Rücksicht genommen und meine Mutter an meinem Unterrichtstag sogar mehrfach besucht.
Ich habe meine Mutter mit den Menschen vom SAPV-Team immer allein gelassen, damit sie (soweit sie das wollte) auch Themen ansprechen konnte, die nicht für meine Ohren bestimmt waren. Ich wollte ihre Privatsphäre wahren, meiner Mutter war das interessanterweise gar nicht wichtig. Zur Begrüßung, zur Besprechung der weiteren Vorgehensweise (Antrag der Pflegestufe, Dosierung der Morphintropfen) und zur Verabschiedung war ich aber immer da.

Von Tag zu Tag wurde die Lage schwieriger. Die Atemnot nahm zu, meine Mutter konnte am Abend vor lauter Atemnot im Liegen (trotz hochgestelltem Kopfteil) kaum einschlafen und gelegentlich war sie auch unruhig. In ein oder zwei Nächten hatte wir schwierige Momente, weil sie wach lag, verzweifelt nach Luft schnappte, sie aber gleichzeitig nicht wollte, daß ich die Notfallnummer anrufe oder (wie vom Mediziner ausdrücklich erwähnt) die Morphindosis erhöhe . Es war schwierig. Ich habe ihr die erlaubte Notfalldosis dann „heimlich“ gegeben – also behauptet, dies sei die normale Dosis und tatsächlich war es die (erlaubte) leicht höhere Dosis.

Einschlafen wurde mehr und mehr zu einem schwierigen Thema, aber auch beim Waschen und Anziehen, bei Toilettengängen, beim Aufstehen vom Sessel und beim Treppensteigen brauchte meine Mutter nach und nach immer mehr Unterstützung. Wirklich verzweifelt war ich an dem Nachmittag, als meine Mutter zur Toilette mußte und ich sie – trotz aller Anstrengung – nicht einmal aus dem Sessel hochbekam. In meiner Verzweiflung habe ich meinen Schreibtischstuhl mit Rollen aus dem Büro ins Wohnzimmer geschleppt und sie mit dem Bürostuhl zur Toilette gerollt….. Es war der Zeitpunkt als das Team und ich über ein Pflegebett und einen Toilettenstuhl im Wohnzimmer sprachen. Natürlich wollte meine Mutter das nicht. Also haben der Arzt und ich gemeinsam mit ihr gesprochen, um ihr die Notwendigkeit dieser Hilfsmittel zu erläutern. Schließlich stimmte sie zu und ich war den nächsten Tag mit zig Telefonaten beschäftigt, um die Lieferung von Pflegebett und Toilettenstuhl (ein Anbieter) und Matratze für das Pflegebett (wegen der Krankenkasse ein anderer Anbieter) zu koordinieren. Man kann sich nicht vorstellen, wie nervig und zeitaufwändig solche Telefonate sein können – auch wenn ich das für meine Mutter gerne gemacht habe. Es waren die wenigen Dinge, die ich noch für sie machen konnte…..

Der letzte Gang zum Hausarzt

Am Mittwochmorgen (22.11.) ging meine Mutter ein letztes Mal zum Hausarzt – wobei „gehen“ nur zum Teil stimmte. Ich habe sie zum Hausarzt gefahren und sie gebeten mich anrufen zu lassen, wenn sie fertig ist, damit ich sie abhole und sie nicht (oder zumindest nicht den ganzen Weg) laufen muß. Sie war schneller fertig als ich dachte und brachte die entsprechende Verordnung mit. Viel überraschender fand ich, daß der SAPV sich noch am selben Vormittag bei uns meldete und einen Termin für den frühen Nachmittag vereinbarte. Bei meiner Mutter löste das – wie eigentlich immer – den Wunsch aus, zu putzen und aufzuräumen…. Da war sie noch ganz „die Alte“.
Am Nachmittag kamen zwei Menschen aus dem SAPV-Team. Meine Mutter bat mich, an dem Gespräch teilzunehmen. Es war ein gutes Gespräch und ich hatte von Anfang an das Gefühl beim SAPV die Unterstützung zu bekommen, um meine Mutter wirklich gut zuhause weiter begleiten zu können. Ein Teil des Gesprächs war auch, wo meine Mutter sterben wollte . Ich war überrascht (wohlgemerkt positiv überrascht – denn ich hatte ihr vor langer Zeit mal erzählt, wie Hospize arbeiten und sich finanzieren) als meine Mutter den Wunsch äußerte, ins Hospiz zu gehen. Gleichzeitig wurden wir auf die nächsten „Stufen“ vorbereitet – weniger Hunger, weniger Durst, Umgang mit Atemnot, Umgang mit Angstzuständen und Schmerzen. Wir bekamen einen Notfallbeutel mit einigen Medikamenten, die mir erläutert wurden, eine Telefonnummer für Notfälle (rund um die Uhr erreichbar) und am Abend auch noch spezielle Medikamente. Es war eine wunderbare Betreuung und ich bin nach wie vor sehr dankbar für diese Unterstützung!
Schon am ersten Abend konnte ich meiner Mutter bestimmte Medikamente geben, um zum Beispiel die Verstopfung und die Atemnot zu lindern.
Ganz wunderbar fand ich vor allem, daß alles so schnell ging – damit hatte ich gar nicht gerechnet!