Impressionen aus Basel

Die Museumsnacht am 18.01.2019 hat mich zu einem kurzen „Ausflug“ nach Basel gelockt – eine Stadt, in der ich vorher noch nie war und über die ich bis zu meiner Kurzreise auch herzlich wenig wußte. Ich möchte daher meine Eindrücke von diesem kurzen Besuch hier zusammenfassen:

* Basel hat mir sehr gut gefallen. Bei kaltem sonnigen Winterwetter bin ich vom Schweizer Bahnhof (es gibt auch noch einen badischen und einen französischen Bahnhof ….) zu meinem Hotel in Klein-Basel gelaufen. Es war ein schöner Spaziergang durch einen kleinen Teil der Innenstadt, vorbei an den Museen, die ich später noch näher erleben sollte.
* Meine Übernachtung enthielt die Basel Card. Damit konnte ich an den beiden Tagen kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und auch Museumseintritt und Führungen waren günstiger.
* Zunächst bin ich an der sonnigen Rheinseite von Klein-Basel von der Wettsteinbrücke zur Mittleren Brücke gelaufen und von dort in die Innenstadt spaziert. So kommt man unweigerlich am wunderschönen roten Rathaus vorbei.
* Das Ticket (eigentlich das „Bändchen“) für die Museumsnacht hatte ich mir schon beim Tourismusbüro am Bahnhof besorgt. Daher habe ich bei einer kulinarischen Pause im Café Huegenin erst einmal „geplant“, was ich mir gerne anschauen wollte. Ein ziemlich strammes Programm, von dem ich letztendlich nur einen kleinen Teil „umgesetzt“ habe.
* Ich bin dann erst einmal durch die kleinen Gassen der Altstadt geirrt und irgendwann bei einer Buchhandlung „gelandet“. Dort habe ich entdeckt, daß es einige spannende Verlage und Autoren in der Schweiz gibt, die mir so gar nicht bekannt waren. Schwach geworden bin ich bei „Claude Cueni – Warten auf Hergé“ (ja, warten auf Godot war gestern, jetzt wartet man auf Hergé!) und „Urs Zürcher – Alberts Verlust“ (ein sehr spannendes und gut geschriebenes Buch, ich konnte es heute Morgen kaum aus der Hand legen ….).
* Meine Museumsnacht begann im Antikenmuseum und zwar mit dem Vortrag von Tomas Lochman „Zensur vs künstlerische Freiheit. Nackheit im Museum“. Ein tolles Thema und ein guter Vortrag – ich wußte vorher relativ wenig über die Geschichte der Nacktheit (Praxiteles ist schuld und die Geschichte von der Aphrodite von Knidos ist wirklich schön!). Die Auseinandersetzung mit dem Thema „me too“ und der Ausstellung „nackt! Die Kunst der Blöße“ fand ich gelungen, auch die Ausstellung selbst war sehenswert. Besonders genial fand ich das Video zum Thema Nacktheit und Social Media……
Ein Thema, zu dem ich gerne auch noch etwas ausführlich etwas schreiben möchte, wenn ich denn die Zeit dazu finde …..
* Ich bin dann ein bißchen durch die Stadt geschlendert, habe mir das konkrete Programm im Münster besorgt (dort spielte das Sinfonieorchester Basel mit einem wunderbaren Programm immer zur vollen Stunde, zur halben Stunde gab es Führungen) und habe „hier und dort“ einen kurzen Blick reingeworfen.
* Etwas später habe ich mir in Klein-Basel ein Orgelkonzert in der zum Waisenhaus gehörenden Kartäuserkirche angehört. Das Waisenhaus und die Kirche sind ein schöner alter Ort, es war wunderbar dort mit dem Orgelkonzert einen Moment der Stille zu erleben.
* Ganz und gar nicht still war es im Museum der Kulturen. Dort habe ich mit einer Kurzführung die Ausstellung „Das Geheimnis“ besucht, nach der Führung bin ich noch alleine durch diese Ausstellung geschlendert. Besonders witzig fand ich die Mitmachaktion. Man sollte ein Geheimnis aufschreiben, das man noch nie jemandem erzählt hat und in eine Art Briefkasten werfen. Die „Geheimnisse“ sollen dann (zumindest zum Teil) auf www.stille-post.ch erscheinen …..
Das Thema „Geheimnis“ fand und finde ich sehr spannend, auch das wäre sicherlich einen eigenen Blogbeitrag wert….
Der Museumsshop war am Abend der Museumsnacht übrigens geschlossen, den Besuch habe ich am nächsten Tag nachgeholt und dort ein „Solar Jar“ gefunden – ein Einmachglas mit einem Solardeckel, das angeblich so hell leuchtet, daß man damit draußen lesen kann. Ich werde das im Sommer testen ……
* Wirklich witzig waren die Hüte, die man im Spielzeug Welten Museum bekommen konnte – ein schwarzer Zylinder aus dem oben ein weißer Hase hinausschaute. Wenn die Schlange vor dem Museum nicht so wahnsinnig lang gewesen wäre ………
Die Hüte begegneten mir den ganzen Abend über, ich war fast ein bißchen neidisch …….
* Das Highlight meines Abends war die Zeit im Münster. Ich war im Laufe des Abends immer wieder dort und habe ganz unterschiedliche – vor allem musikalische – Eindrücke gesammelt.
Meine „Entdeckung“ des Tages waren die „Fanfares pour tous les temps“ von Georges Delerue, in der Atmosphäre des Münsters war der Klang einzigartig!
Schön waren auch die Ausschnitte aus Telemanns Tafelmusik D-Dur und Brahms Klarinettenquartett h-Moll, die ich mitbekommen habe.
Den Gänsehautmoment des Abends hatte ich als das Sinfonieorchester im spärlich beleuchteten Münster Bachs Air aus der Orchester Suite 3 D-Dur spielte ….
Den Abschluß bildete die Abendserenade aus den Bergen mit dem (festhalten!!) „Alphorn-Ensemble des SOB“.
* Das Münster an sich fand ich sehr spannend. Ich hatte eine Führung im Rahmen der Museumsnacht, am anderen Tag besuchte ich im Rahmen einer Stadtführung noch einmal das Münster. Es gab da unglaublich viele spannende Geschichten und Fakten. Ich wußte gar nicht, daß Basel einen eigenen Reformator hatte – nämlich Johannes Oekolampad. Den Namen hatte ich vor meinem Baselbesuch noch nie gehört …. Er ist – genauso wie Erasmus von Rotterdam – dort begraben.
Vor der Kanzel (die sogar noch aus der Zeit vor der Reformation stammt) gibt es im Boden einen Drachen. Dieser Drache hat einen roten Kopf – was ihn als hochgefährlichen Drachen kennzeichnet. In früheren Zeiten stampfte man auf diesem Drachen auf und vertrieb so das Böse aus seinem Leben.
* Erasmus von Rotterdam zog es wegen des Buchdrucks nach Basel. Ich fand diese gedankliche Verbindung zu meiner Reise nach Innsbruck spannend. In der Schweiz haben sich aber – zumindest auf den ersten Blick – mehr eigenständige Verlage erhalten als in Österreich.
* Was ich während der Führung am Samstag besonders spaßig fand: die Vorführung des Basler Schwimmfisches. Mit der Hilfe eines siebenmal eingerollten Fisches kann man seine Wertsachen beim Baden trocken mitnehmen. Unsere Stadtführerin hat uns das Einrollen (nicht das Schwimmen, dafür war es zu kalt) live vorgeführt …… und sie hat ausdrücklich bestätigt, daß die Sachen trocken bleiben …….
* Kulinarisch genial (und auch erstaunlich günstig) war das Essen im Bistro des Museums für Kulturen, ebenfalls kulinarisch genial waren die Faschingswähen mit Kümmel (Bäckerei Sutter in der Nähe der Mittleren Brücke). Gut, daß ich mir gleich zwei gekauft hatte……

Insgesamt eine schöne Reise mit tollen Entdeckungen und dem Wunsch, irgendwann wiederzukommen!

Leseliste 2019

Was ich 2019 bisher gelesen habe (private Bücher, die ich tatsächlich zu Ende gelesen habe):

Bewertung:
*** sehr gut
** gut
* in Ordnung
kein Stern – kein Kommentar

27. Robert Zimmer: Denksport Philosophie (23.02.2019) **
Ich habe das Buch irgendwann mal angefangen und nicht weitergelesen, vor ein paar Tagen fiel es mir wieder in die Hände und diesmal habe ich es bis zum Ende durchgelesen. Ich mag philosophische Themen und Fragen sehr, allerdings fehlt mir das Grundwissen. Dieses Buch hat mir einige spannende Einblicke vermittelt – besonders gut fand ich die Aufgaben zum Mitdenken – einen Philosophen anhand seines Lebenslaufs erkennen, über philosophische Fragen die zum Thema passen nachdenken und jeweils mit Lösungen beziehungsweise Lösungsvorschlägen im Anhang. Ein wirklich gutes Buch!

26. Margriet de Moor: Schlaflose Nacht (23.02.2019) **
Ein Mann bringt sich in jungen Jahren nach nur knapp anderthalb Jahren Ehe um und keiner weiß warum. Es gibt keinen Abschiedsbrief, keinen konkreten Grund. Wie geht die junge Witwe damit um? Was macht sie in den schlaflosen Nächten, die plötzlich zu ihrem Leben gehören? Sehr einfühlsam und schön geschrieben.

25. Erdmut Wizisla: Benjamin und Brecht Die Geschichte einer Freundschaft (20.02.2019) *
Schon irgendwann 2018 begonnen, habe ich mich durch dieses Buch „durchgequält“. Ja, ich wollte mehr wissen über die Freundschaft zwischen Brecht und Benjamin und es gab durchaus Aspekte, die ich interessant fand. Insgesamt war es aber „nicht mein Buch“.

24. Dürrenmatt: Das Versprechen (20.02.2019) **
„Das Versprechen“ ist Teil meiner „Theaterlektüre“ – ich versuche ja meistens, bevor ich ins Theater gehe, das zugrundeliegende Werk zu lesen. Beim Titel hatte ich auch gar nicht an den Film (Es geschah am helllichten Tag) gedacht, das Buch ist ohnehin etwas anders als der Film. Es geht vor allem um den Aspekt des Zufalls. Ich bin gespannt, wie es im Theater sein wird.

23. Leo N. Tolstoi: Die Kreutzersonate (19.02.2019) ***
Ein Buchthema als Dialog? Leo Tolstoi schrieb seine Geschichte zuerst, das Buch von Sofja Tolstaja „Eine Frage der Schuld“ ist die Antwort seiner Ehefrau auf sein Buch. Ich fand das Buch sehr spannend. Während einer nächtlichen Bahnfahrt erzählt der Protagonist, daß und warum er seine Ehefrau ermordet hat. Sehr spannend geschrieben, sehr lebenswert! Aber man sollte unbedingt auch „Eine Frage der Schuld“ dazulesen – gerade dieser Dialog macht das Buch besonders interessant!

22. Margriet de Moor: Erst grau dann weiß dann blau (18.02.2019) **
Ein Buch, das im wesentlichen eine Geschichte über ein Paar und ein befreundetes Ehepaar erzählt. Aus mehreren Perspektiven, die zwischendurch wechseln. Das eigentlich Erstaunliche: die Frau verschwindet irgendwann einfach für eine längere Zeit und irgendwann ist sie wieder da. Ohne Erklärung. Ohne Gespräch. Wie geht man damit um? Was passiert, wenn man damit gar nicht umgehen kann? Gut geschrieben und wirklich lesenswert!

Wilhelm Hauff: Das kalte Herz (17.02.2019) **
Als Teil meiner „Theaterlektüre) habe ich diese Geschichte gelesen – eine schöne Geschichte, die man durchaus lesen und kennen sollte!

21. Ödön von Horvath: Geschichten aus dem Wiener Wald (13.02.2019) **
Ein Theaterstück über die katastrophalen Irrungen und Wirrungen von Gefühlen und Liebe. Nichts geht gut aus, niemand ist dauerhaft glücklich. Und doch hat dieses Theaterstück einen unglaublichen Charme – gerade weil man ahnt oder weiß, daß nichts gut wird!

20. Sofja Tolstaja: Eine Frage der Schuld (04.02.2019) **
Leo Tolstoi hat in der Kreutzersonate (die ich auch noch lesen muß) den Mord eines Mannes an seiner Ehefrau geschildert. Seine Ehefrau hat – als Antwort auf dieses Werk – aus der Sicht einer Ehefrau ebenfalls einen solchen Mord geschildert. Es sind Gesellschafts- und Familienbilder, die mir in mancher Hinsicht fremd sind. Den Gedanken der literarischen Antwort fand ich aber sehr spannend!

19. Ha Jin: Waiting 03.02.2019) ***
Ein direkter Verweis aus dem Buch „Nichtstun“, dem ich einfach folgen mußte: China in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Ein Arzt ist mit einer Frau verheiratet, die seine Eltern für ihn ausgesucht haben. Er liebt sie nicht. Irgendwann lernt er in der Stadt am Krankenhaus eine Krankenschwester kennen, die er mag. Sie mag ihn auch. Er möchte sich von seiner Frau scheiden lassen, aber das ist gar nicht so einfach. Eine ziemlich schwierige und hoffnungslose Situation – für beide. Und das für eine lange Zeit…. Ich fand das Buch sehr eindrucksvoll – gerade auch im Hinblick auf die sehr starren Regeln der Zeit und die Qualen, die solche Regeln mit sich bringen können.

18. Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha (03.02.2019) **
Es gibt Bücher, die verwirren. Das Buch von Gasdanow gehört dazu. Erstaunlicherweise (und völlig unbeabsichtigt) paßt es auch gut zum Thema Warten. Es geht um einen Mord und um einen Menschen, der immer wieder zwischen Realität und Wahn hin und her wandert. Nicht schlecht, aber lange nicht so gut wie „Das Phantom des Alexander Wolf“.

17. Coen Simon: Warten macht glücklich! Eine Philosophie der Sehnsucht (01.02.2019) *
Durch Zufall (beim Bestellen des Buches „Waiting“ von Ha Jin) habe ich dieses Buch gefunden und auch bestellt. Ich fand es allerdings enttäuschend. Ich kann zwar manche Gedanken nachvollziehen, empfand das Buch für mich aber als nichtssagend. Ein Beispiel? Der Autor sagt, daß Warten schöner ist als die Erfüllung, weil das, was eintritt nie so schön ist, wie die Vorstellung davon. Aber setzt „glückliches Warten“ – für das ich eher den Begriff „Vorfreude“ wählen würde – nicht trotzdem den Eintritt des Ereignisses voraus? Kann Warten auf etwas, das nie eintritt wirklich glücklich sein? Es war jedenfalls nicht „mein Buch“.

Hendrik Ibsen: Die Stützen der Gesellschaft (27.01.2019) **
Ein sehr interessantes Theaterstück, in dem es um Feigheit, verweigerte Gespräche und ganz allgemein um Lebenslügen geht. Es war gut, daß Stück vor dem Theaterbesuch zu lesen, mir hat es gut gefallen (auch die Inszenierung des Stücks in Düsseldorf).

16. Billy Ehn/Orvar Löfgren: Nichtstun Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen (26.01.2019) ***
Vor einiger Zeit schon gekauft, fiel mir dieses grandiose Buch durch Zufall nach dem Lesen der Bücher von Zürcher und Cueni in die Hände. Besser hätte es thematisch nicht passen können. Das Buch behandelt drei unterschiedliche Themengebiete – das Warten, Gewohnheiten und Rituale und das Tagträumen. Ich fand den ersten Teil (das Warten) am spannendsten. Die Frage „Was tun Sie, wenn Sie warten?“ fand ich sehr anregend – auch die zahlreichen Beispiele aus der Literatur. Interessanterweise denke ich beim Warten jetzt öfter über das Warten nach, sozusagen eine Art „Metawarten“.

15. Claude Cueni: Warten auf Hergé (23.01.2019) ***
Ein (ein kleines bißchen böse) witziger Roman über die Comicfiguren von Hergé. Was passiert eigentlich mit Comicfiguren, wenn ihr Schöpfer sie nicht mehr in neue Abenteuer schickt? Tintin-Lutin („Tim“ aus Tim und Struppi heißt im Original „Tintin“) und seine Freunde sind verunsichert. Wo bleibt Hergé? Und warum schickt er sie nicht endlich mal wieder in eine neue Geschichte? In einem Roman in dem es um das Altern, den Tod und auch den Umgang damit geht, wird – en passant – auch die (unschöne) Vergangenheit von Hergé thematisiert. Ein sehr lesenswerter Roman, der für mich gerade zum jetzigen Zeitpunkt thematisch sehr gut paßte!

14. Urs Zürcher: Alberts Verlust (22.01.2019) ***
Alberts Verlust war für mich ein Gewinn – eine sehr schöne Sprache, eine sehr interessante Geschichte und ein Thema, das mich fasziniert und beschäftigt. Das Thema: Albert hat nach einem Unfall sein biografisches Gedächtnis verloren. Wie kann er es wiederfinden? Wie lebt man ohne Erinnerung? Ist Zukunft ohne Erinnerung möglich? Und für mich dann die Gegenfrage (die nicht zum Roman gehört): Wieviel Vergessen brauchen wir, um glücklich leben zu können? Spannende Fragen, die eigentlich auch irgendwann in einen Blogbeitrag gehören…..

13. Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen (20.01.2019)*
Ein wichtiges Thema – deshalb habe ich das Buch gekauft. Inhaltlich hat es mich nicht wirklich überzeugt. Das Buch enthält einige gute Verweise auf andere Bücher, die sich mit diesem Thema irgendwie auseinandersetzen (zum Beispiel „Die Pest“ von Camus), aber mir fehlte irgendwie die „richtige Aussage“. Es waren irgendwie „nur“ die Gedanken des Autors, die für mich ohne roten Faden auf das Papier geflossen waren – immer unterbrochen von einem Dialog mit einem Freund. Richtigerweise spricht der Autor das Problem der eigenen inneren Widersprüche an, verfolgt dieses Thema aber nicht wirklich und wird an manchen Stellen (zum Beispiel beim Thema „Dummheit“) in meinen Augen sogar ein bißchen überheblich. Schade, ich hatte mir mehr von diesem Buch versprochen.

12. Andreas Bernard: Das Diktat des #hashtags – Über ein Prinzip der aktuellen Debattenbildung (19.01.2019) **
Ein hoch interessantes Thema, ein kurzer Essay mit einem geschichtlichen Überblick zu Schlagworten und zum Hashtag an sich, leider nur eine kurze Diskussion der Hashtagnutzung, die ich zwar interessant aber für mich nicht tiefgehend genug fand.

11. Arnold Retzer: Miese Stimmung – Eine Streitschrift gegen positives Denken (19.01.2019) ***
Das Buch stand schon ziemlich lange in meinem Bücherregal. Vor ein paar Jahren hatte ich es angefangen, ich war aber nicht weit gekommen. Eine Diskussion rund um das Thema „Hoffnung“ oder „Hoffnungslosigkeit“ hatte mich angeregt, es aus dem Regal zu ziehen und einmal – ganz von vorne zu lesen. Ich fand das Buch sehr interessant – gerade auch, weil es sich sehr kritisch mit dem „Dogma“ des positiven Denkens auseinandersetzt. Gerade die Fragen nach einer Pathologisierung von negativen Gefühlen, dem Einfluß des Zeitgeistes auf die Klassifizierung von und den Umgang mit negativen Gefühlen, die Fragen nach „Aufgeben“, Ängsten und Trauer fand ich sehr spannend und auch persönlich sehr hilfreich.

10. Reclam: Erläuterungen und Dokumente zu Klaus Mann Mephisto (18.01.2019) **
Parallel zum Roman habe ich die Erläuterungen und Dokumente gelesen. Ich hätte viele Anspielungen sonst wohl nicht verstanden beziehungsweise erkannt, auch die historische Einordnung und die Diskussionen rund um die Veröffentlichung und Wiederveröffentlichnung nach dem Krieg fand ich sehr spannend.

9. Klaus Mann: Mephisto Roman einer Karriere (17.01.2019) ***
Ende November wollte ich mir im Burgtheater in Wien dieses Werk als Theaterstück anschauen. Leider fiel die Vorstellung wegen Krankheit mehrerer Ensemblemitglieder aus und es wurde statt dessen eine kurze Lesung (Thomas Bernhard) veranstaltet. In der Buchhandlung im Burgtheater (ich fand es glorreich, daß es dort eine Buchhandlung gibt, die vor den Vorstellungen geöffnet ist – finanziell war dies natürlich mein Untergang!) habe ich mir dann trotzdem das Buch von Klaus Mann und einen Erläuterungstext von Reclam zu diesem Buch gekauft. Ich finde das Buch grandios – das liegt aber auch an meinem besondere Interesse für diese Zeit!

8. J.D. Salinger: The Catcher in the Rye (15.01.2019) *
Meine Pflichtlektüre für den 1. Januar 2019 und das Projekt #50guteGründe (und daher in 2018 begonnen). Vor vielen vielen Jahren habe ich das Buch im Englisch-LK gelesen. Lange her und ich habe mich an fast gar nichts erinnert. So war es tatsächlich spannend, das Buch noch einmal zu lesen. Ich weiß auch nicht, ob ich es damals „toll“ fand, jetzt jedenfalls war es „ok“, aber nicht herausragend.

7. E.T.A. Hoffmann: Lebens-Ansichten des Katers Murr (14.01.2019) **
Schon 2018 zum größten Teil durchgelesen (für den Adventskalender 2018), aber erst in diesem Jahr zuende gelesen. Gerade der häufige Wechsel zwischen den Geschichten von Murr und der Geschichte von Kreisler war spaßig. Allerdings hätte ich das Nachwort mit dem Lebenslauf von E.T.A. Hoffmann zuerst lesen sollen, dann hätte mich die Geschichte noch mehr begeistert und gefesselt. Ich bin froh, daß ich dieses Buch – das schon sehr lange in meinem Bücherregal stand – endlich gelesen habe!

6. Inger-Maria Mahlke: Wie Ihr wollt (14.01.2019) *
Auch ein Buch, das ich schon 2018 begonnen habe. Ich fand es sperrig, es hat sich mir irgendwie verweigert, auch wenn ich das historische Thema (Familiengeschichte der Tudors nach Henry VIII) eigentlich mag.

5. Christoph W. Bauer: Im Alphabet der Häuser (13.01.2019) **
Dieses Buch habe ich Anfang Dezember aus Innsbruck mitgebracht (ich wollte ja eigentlich gar nichts kaufen……). Zwei Menschen unterhalten sich über die Stadt und kommen dabei in ein Gespräch über die Geschichten, die die einzelnen Häuser der Stadt zu erzählen haben. Ich fand die Idee sehr schön und freue mich darauf, irgendwann noch einmal durch Innsbruck zu schlendern und auf diese Häuser zu achten.

4. Grégoire Delacourt: Alle meine Wünsche (13.01.2019) **
Dieses schlanke Büchlein habe ich bei einem Besuch der Buchhandlung Proust in Essen ganz zufällig entdeckt. Eine kleine Ladenbesitzerin aus der französischen Provinz erzählt aus ihrem Leben, den Veränderungen durch ihr Blog und durch einen Lottogewinn. Eine schöne aber auch traurige Geschichte.

3. Susanne Goga: Nachts am Askanischen Platz (12.01.2019) **
Ich mag Krimis und auch gerne historische Krimis. Die Geschichte um Leo Weichsler hat mir sehr gut gefallen – gerade auch weil ich mich für die Zeit Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts sehr interessiere.

2. Ödön von Horvath: Kasimir und Karoline (11.01.2019) **
Ende November war ich in Wien und habe dort (eher zufällig) eine Ausstellung über Ödön von Horvath besucht. Ich hatte vorher natürlich schon mal von ihm gehört, im September 2018 in Lübeck auch das Stück „Glaube Liebe Hoffnung“ gesehen, viel mehr wußte ich über ihn aber nicht. Die Ausstellung hat mir Ödön von Horvath als kritischen Geist und Beobachter näher gebracht und ich habe dort sofort ein paar seiner Werke gekauft (nicht wirklich überraschend….). Kasimir und Karoline gefiel mir gut. Besonders berührt hat mich der Text in Szene 114. Karoline sagt dort vor sich hin: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen – –
http://gutenberg.spiegel.de/buch/kasimir-und-karoline-2903/2

1. Narvid Kermani: Sozusagen Paris (10.01.2019) ***
Ein Buch, das ich schon irgendwann in 2018 begonnen habe. Wirklich weit war ich nicht gekommen, obwohl ich die Geschichte interessant fand. Vielleicht fehlte mir letztes Jahr die Ruhe, mich wirklich auf das Buch und die literarischen Anspielungen einzulassen. Als ich es Anfang Januar wieder in die Hand nahm fand ich es plötzlich richtig gut. Ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen!

Abschied von 2018

Ein Jahr ist vergangen. Ein Jahr, das ich mir ganz anders vorgestellt habe, als es dann geworden ist. Ich weiß noch, wie ich vor einem Jahr – zwar unter Tränen aber voller Dankbarkeit und voller Hoffnung und Vorfreude – etwas zu meinem Jahr 2017 geschrieben habe. Ich bin voller Hoffnung und Vorfreude in das Jahr 2018 gestartet, heute sitze ich hier und schreibe etwas über die vielen Abschiede, die das Jahr 2018 gebracht hat. Dabei war 2017 ja auch schon ein Jahr, in dem Loslassen und Abschied eine große Rolle spielten.

Der Aspekt des Abschieds war in meinem Jahr 2018 der dominierende Aspekt.
– Abschied von dem Gedanken und der fahrlässig geweckten Hoffnung, daß es auch in meinem Leben Liebe und Beziehung geben kann.
– Abschied von dem Wunsch nach Zweisamkeit und Zuneigung.
– Abschied von dem Gedanken, daß dies jemals anders sein könnte.
– Abschied von einem Menschen, mit dem ich unheimlich gerne persönliche Twittergespräche geführt habe, der sich aber leider erst nach einigen Tagen entschied, daß er doch keine Beziehung mit mir haben möchte und der seinem Wunsch nach Freundschaft nie irgendwelche Taten folgen ließ, auf die von mir angeregten Gesprächsversuche kamen – wenn überhaupt – nur spärlich Antworten, DMs und Tweets waren oft verletzend und abweisend.
– Abschied von dem Gedanken, daß es Familienmitglieder gibt, denen es wichtig ist zu wissen, wie es mir wirklich geht.
– Abschied von gerade erst begonnenen Bekanntschaften, weil diese Menschen Twitter verlassen haben und der Kontakt deswegen ganz oder zum größten Teil eingeschlafen ist.
– Abschied von Menschen, die ich über Jahre als Freunde betrachtet habe, denen ich aber gleichgültig geworden bin.
– Abschied von dem Gedanken, daß ich mich in den letzten Jahren irgendwie positiv verändert hätte.
– Abschied von dem Gedanken, daß Offenheit wirklich gut für mich ist.
– Abschied von dem Versuch, auf meine Gefühle zu hören und sie zuzulassen.
– Abschied von dem Wunsch, neue Menschen persönlich zu treffen und kennenzulernen.
– Abschied von der Hoffnung.

Wird es besser werden, wenn man so niedrig startet?

19. Dezember: Angekettet oder schwerelos?

Es sind zwei Geschichten von Jorge Bucay, die mich heute inspiriert haben. Die erste Geschichte habe ich vor einigen Jahren in dem Buch „Komm erzähl mir eine Geschichte“ gelesen. Stellt euch vor, Ihr besucht einen Zirkus und zu dem Zirkus gehört auch ein großer starker Elefant. Nach den Vorstellungen ist dieser große und starke Elefant mit einer Kette an einem Holzpflock festgemacht. Warum reißt sich der große und starke Elefant nicht einfach los? Ahnt Ihr warum? Weil der Elefant schon an genau diesen Pflock angekettet wurde, als er noch ganz klein und schwach war. Es ist seine Erfahrung aus der Kindheit, daß er zu schwach ist, sich loszureißen.

Ähnlich schön ist die Geschichte „Der Elefant und die Lerche“ aus dem Buch „Zähl auf mich“. Der Elefant ist mit der Lerche befreundet. Irgendwann erzählt der Elefant der Lerche, daß er sie beneidet, weil sie fliegen kann. Die Lerche verrät dem Elefanten wie er das auch hinbekommen kann – mit einer echten Schwanzfeder von ihr und eisernem Willen. Die Schwanzfeder soll der Elefant in den Mund nehmen und dann die Ohren ganz schnell bewegen. Der Elefant macht das und tatsächlich – er kann wirklich fliegen. Er ist richtig begeistert über die Zauberfeder und bedankt sich bei der Lerche. Aber was erzählt ihm die Lerche dann? Die Feder war keine Zauberfeder, der wirkliche Zauber war die Kraft seines Wunsches und die Kraft seiner Ohrenbewegungen brachte ihn zum Abheben.

Zwei schöne Geschichten, nicht wahr? Welche Elefantengeschichten kennt Ihr?

Ich wünsche Euch jedenfalls einen schwerelosen 19. Dezember.

2. Dezember – Ein trocken murrendes Miau

Was macht man, wenn man einen Kater erbt? Der Müllerssohn war verständlicherweise erst einmal wenig begeistert und dachte daran, sich aus dem Fell Handschuhe machen zu lassen. Glücklicherweise hatte er einen klugen Kater geerbt und dieser kluge Kater machte ihm einen (auf den ersten Blick) irritierenden Vorschlag: laß mir Stiefel machen und ich werde Dir helfen. Gesagt, getan und bestimmt habt Ihr schon erkannt, wer der berühmte Kater ist, oder? Es ist – natürlich – der gestiefelte Kater! (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-schonsten-kinder-und-hausmarchen-6248/93). Der Müllerssohn wurde irgendwann König, der Kater aber – der übrigens den illustren Namen Hinz von Hinzenfeldt trug – Minister. Woher ich den Namen weiß? Der etwas angeberische und schwatzhafte Murr hat ihn mir verraten, denn es handelt sich wohl um einen seiner Vorfahren. Geduldig ließ ich mir seine Erlebnisse und Ansichten erzählen – auch wenn ich ihn immer ein bißchen egozentrisch fand (http://gutenberg.spiegel.de/buch/lebensansichten-des-katers-murr-3095/1).

Viel sympathischer und „praktischer“ fand ich da doch Alphonse (https://fr.m.wikipedia.org/wiki/Les_Contes_du_chat_perch%C3%A9). Alphonse gehört den Eltern von Delphine und Marinette. Wenn Alphonse sich mit der Pfote am Ohr kratzt, dann gibt es Regen. Eines Tages zerbrechen Delphine und Marinette beim Spielen einen sehr alten Teller. Die Eltern, die gerade vom Feld zurückkommen, sind sehr ärgerlich. Zur Strafe sollen die beiden die böse alte Tante besuchen – und zwar am nächsten schönen Tag. Alphonse hilft den beiden – es regnet und regnet und regnet, weil er sich ständig mit seiner Pfote am Ohr kratzt. Der Zorn der Eltern, die nun nicht mehr auf dem Feld arbeiten können, richtet sich schnell gegen Alphonse. Er soll mit einem großen Stein in einem zugenähten Beutel in den Fluß geworfen werden. Delphine und Marinette sind ratlos. Aber gemeinsam mit den Tieren des Hofes finden Sie einen Weg, Alphonse zu retten, ohne daß die Eltern das merken. Aber: es regnet jetzt nicht mehr….Wir wissen jetzt also: irgendjemand hat auch in diesem Jahr Alphonse schlecht behandelt…..

Immerhin ist es Alphonse besser ergangen als der Katze, die sich dem Esel und dem Hund anschloß. Wer hätte gedacht, daß diese Clique in Bremen ihr Glück findet und nächstes Jahr sogar den 200. Geburtstag feiert(http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-schonsten-kinder-und-hausmarchen-6248/161)?

Feiern ist natürlich ein gutes Stichwort – denn heute feiern wir den 1. Advent. Ich wünsche Euch jedenfalls einen zauberhaften Adventssonntag und 2. Dezember!

Was trägst Du zur Beerdigung?

Es ist eine lustige Anekdote aus dem Jahr 2013, die untrennbar zu dieser Frage meiner Mutter gehört. Irgendwann nachdem meine Mutter die erste Behandlungsrunde erfolgreich abgeschlossen hatte, waren wir zusammen in Dortmund. Wir wollten gemeinsam nach einem schwarzen Hosenanzug für mich suchen. In einem größeren Geschäft flanierten wir durch die Abteilung und schauten uns die Auswahl sehr intensiv an. Eine Verkäuferin eilte herbei und wollte wissen, was wir suchen. „Einen schwarzen Hosenanzug für mich“ sagte ich, „zu welchem Anlaß“ fragte die Verkäuferin, „zu meiner Beerdigung“ antwortete meine Mutter trocken und wahrheitsgemäß. Die Verkäuferin mußte sehr schwer schlucken und wir haben uns noch Stunden später im Café bei Kaffee und Kuchen über diese Situation amüsiert.

Im Oktober 2018 ging es dann ernsthaft darum, nach einem schwarzen Hosenanzug zu schauen. Gemeinsam haben wir zwei Geschäfte in Wuppertal besucht, leider erfolglos und für Fahrten in andere Städte war meine Mutter schon zu schwach. Ich habe also alleine in den umliegenden Städten gesucht, aber erfolglos. Mal war der Hosenanzug zu eng und ich fühlte mich wie ein Würstchen in der Pelle, mal gefiel mir der Stoff nicht (ich wollte keine Kunstfaser). Irgendwann habe ich dann beschlossen, daß ich eine bereits vorhandene schwarze Hose nehme und mir nur noch schwarze Pullover/Strickjacken besorge. Die Idee gefiel meiner Mutter und nach einem Workshop in Köln habe ich also eingekauft und alles am Abend meiner Mutter vorgeführt. Es war ein schönes Gefühl, daß sie das noch gesehen hat und für mich bedeutete es viel weniger Zeitdruck, daß ich das schon zuhause hatte.

Ich habe von meiner Mutter aber (trotzdem) den „Auftrag“ bekommen, mit irgendwann einen schönen schwarzen Hosenanzug zu kaufen!

Schlechte Karten mit der Chemo

Die neue Chemo schien zwar zu helfen, aber die Nebenwirkungen waren heftig – zu heftig. Meine Mutter konnte die Übelkeit mit den üblichen MC-Tropfen überhaupt nicht in den Griff bekommen, auch zusätzliche Infusionen gegen die Übelkeit halfen nicht wirklich. Es half nichts, die Chemo konnte so nicht weitergeführt werden (sie hat auch keine weiteren Chemos mehr bekommen).
Mit dem Absetzen der Chemo verschwand die Übelkeit nach und nach, gleichzeitig konnte sich die Krankheit wieder „ungestört“ ausbreiten. Die Ödeme im Arm wurden stärker, sie bekam verstärkt Verspannungen im Nackenbereich und man konnte bei der Berührung ihrer Haut spüren, daß die Geschwülste langsam aber sicher den Hals hochwanderten.
Es war noch einmal ein deutlicher Schritt in Richtung „Ende“, daß es keine Chemo mehr gab – und meine Mutter vermutlich auch keine Chemo mehr gewollt hätte. Irgendwie hofft man ja doch immer noch – auf ein kleines Wunder, eine kleine Besserung, ein Bestehenbleiben der Lebensqualität. Aber manchmal ist der Preis zu hoch und das habe ich in diesen Tagen verstanden und gelernt!

Arbeit in schwierigen Zeiten

Am 20.09. durfte ich einen Workshop zu Social Media und Recht in einem Unternehmen durchführen. Ein schöner und spannender Auftrag, den ich angenommen hatte, als ich noch nicht ahnte, wie schnell sich das Befinden meiner Mutter verschlechtern würde. Meine Mutter hatte kurz vorher eine andere Chemo bekommen, es ging ihr etwas besser, sie konnte auch wieder besser sprechen. Trotzdem fühlte sich alles unglaublich schwierig an.
Wieder und wieder hing ich bei den Vorbereitungen fest, es fiel mir oft schwer mich zu konzentrieren und ich versuchte mehr und mehr soviel Zeit wie möglich mit meiner Mutter zu verbringen. Ich habe mir mit ihr zusammen sogar Rosamunde-Pilcher-Filme angeschaut – das war definitiv ihre Wahl, nicht meine. Auch bin ich relativ oft ein paar Schritte mit ihr gegangen, habe sie zur Lymphdrainage gebracht oder abgeholt oder irgendwelche Kleinigkeiten für sie erledigt. Alles sehr wichtig und in der Gesamtheit zeitintensiver als man denkt. Nach und nach habe ich meine eigenen (Freizeit-) Aktivitäten erst reduziert und dann fast völlig eingestellt. Sie hat das nie von mir verlangt und das war der Grund, warum ich es gut und gerne machen konnte. Ich hatte immer das Gefühl, daß es meine Entscheidung ist, mir Zeit für sie zu nehmen.
Mit zunehmendem Fortschreiten der Krankheit habe ich immer mehr Aufgaben übernommen. Alles kein Problem, aber manches war halt so zeitintensiv, daß ich immer weniger zum Arbeiten kam. Oft habe ich auch im Büro gesessen und geweint. Irgendwann habe ich mich nur noch um besonders wichtige Angelegenheiten gekümmert. Es war ein großes Glück, daß ich mit meinen Mandanten und Auftraggebern über die Situation sprechen konnte und daß diese mich wirklich unterstützt haben und viel Verständnis gezeigt haben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Es ist unglaublich, wie schwer es einem fallen kann, selbst relativ einfache Dinge zu machen, wenn die Gedanken „woanders“ sind…..

Briefwahl

Trotz des schnellen Voranschreitens der Krankheit war meine Mutter immer noch sehr an allem, vor allem aber an politischen Themen, interessiert. So wollte sie natürlich auch unbedingt wählen. Normalerweise hätten wir einen netten Spaziergang zum Wahllokal gemacht, die Stimme abgegeben und wären nach einem weiteren Stück Spaziergang wieder nach Hause geschlendert. Dieses Jahr waren wir beide uns nicht sicher, ob sie den Weg zum Wahllokal schaffen würde; ich war mir nicht einmal sicher ob sie den Wahltag noch erleben würde. Also kam nur Briefwahl in Frage!
Sofort nach Erhalt der Wahlbenachrichtigung habe ich den Briefwahlantrag für sie vorbereitet, ziemlich schnell kamen die Unterlagen und meine Mutter bestand darauf, sie ziemlich schnell auszufüllen und abzuschicken. Gesagt, getan! Das Anreichen der jeweils richtigen Briefumschläge und der Gang zum Briefkasten waren mein Part und ich habe das gerne gemacht, weil es ihr wirklich wichtig war. Ich fand es erstaunlich, daß sie im Bewußtsein des nahenden Endes sich so sehr für die Gegenwart und die Zukunft interessiert hat.

Letzte Ausflüge – 02.09.2017 und 03.09.2017

Meine Mutter ist immer gerne Auto gefahren – also mitgefahren als Beifahrerin. Mit dem Auto irgendwohin zu fahren, war für sie immer ein großes Vergnügen, während ich in den letzten Jahren eher ungern gefahren bin. Aber Anfang September 2017 haben wir an dem Wochenende noch einmal zwei schöne Fahrten gemacht.

An dem Samstag sind wir in ein Gartencenter gefahren und haben irrsinnig viele Blumenzwiebeln gekauft. Irrsinnig viele – weil ich mich nicht entscheiden konnte und einfach alles genommen habe, was mir gefiel. Meine Mutter stand – wie immer – kopfschüttelnd daneben. Während ich später Einkaufen war, hat sie allerdings fast alle Blumenzwiebeln eingepflanzt und als ich im Frühjahr aus dem Fenster schaute konnte ich mich immer an diesen Moment erinnern, als ich vom Einkaufen wiederkam und meine Mutter auf dem Rasen kniete und die Blumenzwiebeln einpflanzte. Es war schön, in diesem Frühling die vielen Krokusse, Tulpen und Osterglocken zu sehen, die meine Mutter an diesem 2. September noch eingepflanzt hat. Eine sehr schöne Erinnerung!

Am Sonntag (03.09.2017) haben wir dann nach dem Mittagessen noch mal einen richtigen Ausflug gemacht. Wir sind in die Elfringhauser Schweiz gefahren und den Höhenweg entlanggewandert. Nicht so weit, wie in früheren Zeiten, aber doch ein ganzes Stück. Und anschließend waren wir noch einmal Kaffee trinken und zwar in dem Café (Café Bärwinkel) in dem ich vor vielen Jahren meine Konfirmation feiern durfte. Es war sehr voll und wir saßen nicht lange alleine am Tisch. Zwei Motorradfahrer haben sich zu uns gesetzt und meine Mutter hat – wie immer – sofort auch mit ihnen ein Gespräch begonnen. Darin war sie unschlagbar, ganz im Gegensatz zu mir.
Es war unser letztes gemeinsames Kaffeetrinken in einem Café und ich erinnere mich sehr gerne daran. Es war noch einmal ein richtig unbeschwerter Nachmittag und ich bin froh, daß ich mir die Zeit genommen habe, mit meiner Mutter diesen kleinen Ausflug zu machen. Zeit war das, was ich ihr zu diesem Zeitpunkt am besten schenken konnte und das habe ich getan!