Letzte Ausflüge – 02.09.2017 und 03.09.2017

Meine Mutter ist immer gerne Auto gefahren – also mitgefahren als Beifahrerin. Mit dem Auto irgendwohin zu fahren, war für sie immer ein großes Vergnügen, während ich in den letzten Jahren eher ungern gefahren bin. Aber Anfang September 2017 haben wir an dem Wochenende noch einmal zwei schöne Fahrten gemacht.

An dem Samstag sind wir in ein Gartencenter gefahren und haben irrsinnig viele Blumenzwiebeln gekauft. Irrsinnig viele – weil ich mich nicht entscheiden konnte und einfach alles genommen habe, was mir gefiel. Meine Mutter stand – wie immer – kopfschüttelnd daneben. Während ich später Einkaufen war, hat sie allerdings fast alle Blumenzwiebeln eingepflanzt und als ich im Frühjahr aus dem Fenster schaute konnte ich mich immer an diesen Moment erinnern, als ich vom Einkaufen wiederkam und meine Mutter auf dem Rasen kniete und die Blumenzwiebeln einpflanzte. Es war schön, in diesem Frühling die vielen Krokusse, Tulpen und Osterglocken zu sehen, die meine Mutter an diesem 2. September noch eingepflanzt hat. Eine sehr schöne Erinnerung!

Am Sonntag (03.09.2017) haben wir dann nach dem Mittagessen noch mal einen richtigen Ausflug gemacht. Wir sind in die Elfringhauser Schweiz gefahren und den Höhenweg entlanggewandert. Nicht so weit, wie in früheren Zeiten, aber doch ein ganzes Stück. Und anschließend waren wir noch einmal Kaffee trinken und zwar in dem Café (Café Bärwinkel) in dem ich vor vielen Jahren meine Konfirmation feiern durfte. Es war sehr voll und wir saßen nicht lange alleine am Tisch. Zwei Motorradfahrer haben sich zu uns gesetzt und meine Mutter hat – wie immer – sofort auch mit ihnen ein Gespräch begonnen. Darin war sie unschlagbar, ganz im Gegensatz zu mir.
Es war unser letztes gemeinsames Kaffeetrinken in einem Café und ich erinnere mich sehr gerne daran. Es war noch einmal ein richtig unbeschwerter Nachmittag und ich bin froh, daß ich mir die Zeit genommen habe, mit meiner Mutter diesen kleinen Ausflug zu machen. Zeit war das, was ich ihr zu diesem Zeitpunkt am besten schenken konnte und das habe ich getan!

Der schleichende Verfall – 31.08.2017

Der Monat August zog dahin. Ich las meine Bücher über das Sterben und die palliative Medizin. Immer mal wieder weinte ich, wenn ich allein war – nur der Bürocomputer war der Zeuge meiner Tränen. Es war dieses Wissen, daß der Abschied naht – ohne zu wissen wann und wie.

Es war nicht alles schlecht in dieser Zeit. Im Gegenteil! Aber es war auch keine einfache Zeit. Täglich wurde meine Mutter ein bißchen schwächer, mit jedem Tag nahmen ihren Möglichkeiten ab. Zu Pfingsten waren wir noch von der Düsseldorfer Innenstadt nach Kaiserswerth gewandert – eine wunderschöne Strecke am Rhein entlang. Im August war an so etwas nicht mehr zu denken. Wir machten einen Spaziergang Richtung Neviges, den wir nach der Hälfte (am Bahnhof Rosenhügel) abgebrochen haben, weil es ihr zuviel wurde.

Es war auch die Zeit kurz vor der Bundestagswahl. Wählen war meiner Mutter immer sehr wichtig. Meistens sind wir gemeinsam zum Wahllokal gegangen. Aber in diesem Jahr? Was, wenn sie vor der Wahl sterben würde? Es mag unsinnig anmuten, daß ich in der Situation über solche Fragen nachgedacht habe. Aber vor einem Jahr war mir das wichtig – unglaublich wichtig. Natürlich haben wir dann Briefwahlunterlagen beantragt.

Ende August zeigten sich auch neue Beschwerden. Der rechte Arm fing an anzuschwellen, der Beginn eines Lymphödems. Mit ein paar Übungen ließ sich dies sogar in den Griff bekommen und so habe ich dann ganz kurzfristig beschlossen, zur Netzpolitikkonferenz in Berlin zu fahren (am 01.09.2017).

Es war eine Zeit, in der das Wegesende zwar schon erkennbar war, die Bewegung dahin aber so langsam war, daß man sie kaum wahrnehmen konnte. Eine Zeit des schleichenden Verfalls. Und damit auch eine Zeit, mich auf das vorzubereiten, was da noch kommen würde……

Wissen – am 08.08.2017

Wann geht Ahnung in Wissen über? Wann wird aus dem Hin- und Herschwanken zwischen Hoffnung und Angst traurige Gewißheit?

Für mich war der 08.08.2017 der Tag dieser Gewißheit. Die „Einschläge“ waren vorher immer näher gekommen. Stark vergrößerte Lymphknoten am Hals, eine neue Chemo mit neuen Nebenwirkungen und einem Schlaf, der nicht mehr erholsam war, ein stark verkleinertes Auge, weil die Lymphknoten sich hier schon auswirkten. Schon am 4. August hatte ich mir Bücher zum Thema Sterbebegleitung bestellt. Ich wollte vorbereitet sein auf das, was da irgendwann kommen würde. H. Christofori Müller-Busch und Gian Domenico Borasio wurden meine heimlichen Begleiter. Heimlich, weil ich mich erst einmal mit diesem Thema allein auseinandersetzen wollte, nicht weil ich mit meiner Mutter nicht darüber sprechen konnte.

Irgendwie war immer noch Hoffnung da. Hoffnung, daß die neue Chemo doch noch wirkt, daß es noch einmal eine Verbesserung gibt, Hoffnung auf ein kleines Wunder. Ja, was wäre der Mensch ohne Hoffnung?

Doch manchmal sind es ganz unscheinbare und völlig unabhängige „Zeichen“, die uns Gewißheit geben – selbst da, wo uns die Gewißheit weh tut….. Es war der Blick auf die Augustausgabe der Zeitschrift „brand eins“ mit dem Schwerpunkt „Loslassen„, die mir diese Gewißheit gab. Ich las den Titel und ich wußte sofort, was mein „Loslassen“ war. Es war ein sehr deutlicher Moment des Bewußtwerdens. Kein leichter Moment, weiß Gott nicht. Und in der Erinnerung an diesen Moment rinnen mir noch einmal die Tränen über das Gesicht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich in dieser Zeit weinend an meinem Schreibtisch saß, wieviele Gespräche ich unter Tränen geführt habe, wie oft ich die Tränen vor meiner Mutter nur mühsam zurückhalten konnte.
Trotzdem möchte ich diesen Moment nicht missen. Es war traurig und schwer, diesen Moment zu erleben. Es war schön und richtig, meine Mutter auf dem Weg zum Tod begleiten zu können. Das Wissen, daß der Tod „vor der Tür steht“ und die frühzeitigen Tränen haben mir die Kraft gegeben, für meine Mutter bis zum letzten Moment da zu sein, die schönen Momente zu genießen und die traurigen Momente zu tragen. Dafür bin ich sehr dankbar. Und deswegen ist der 08.08. – bei aller Traurigkeit der Erinnerung – auch ein guter Tag!

Juli 2017

Im Juli 2017 war meine Mutter fünf Jahre wegen ihrer Brustkrebserkrankung in Behandlung. Wir wußten von Anfang an, daß eine Heilung nicht möglich war. Anfangs hatte ich nicht gedacht, daß sie überhaupt so lange und mit so großer Lebensqualität würde leben können. Noch Ende Juni hat meine Mutter eine Seite des Treppengeländers der Außentreppe abgeschliffen und gestrichen (die andere Seite erwartet mich in diesem Sommer …..).

Ich fuhr – völlig ohne irgendwelchen bösen Vorahnungen – nach Berlin zu einer Fachkonferenz. Wie immer erlaubte ich mir ein bißchen „Rahmenprogramm“ – Museums- und Theaterbesuch am Freitag, weiterer Theaterbesuch am Sonntagabend und dann noch die BUGA am Montag. Als kleines Andenken von der BUGA habe ich meiner Mutter „Bienenkugeln“ mitgebracht – drei Kugeln mit bienenfreundlichen Pflanzen.
Es war ihr wichtig, diese Bienenkugeln sofort einzupflanzen, das haben wir auch gemacht. Am Rande sagte sie, daß sie sonst ja nicht sicher sein könne, ob sie das Blühen der Pflanzen noch erleben werde. Wie wahr, aber das ahnte ich in dem Moment noch nicht. Wir haben uns täglich an den Bienenkugeln erfreut – erst haben wir mit Spannung auf das Keimen gewartet, dann auf die ersten Blumen. Und auch dieses Jahr blühen die Bienenkugeln – unter anderem war eine wunderbare Mohnblume dabei, eine Blume, die meine Mutter immer sehr geliebt hat.

Im Juli war auch klar, daß die aktuelle Chemotherapie nicht mehr wirkte, denn die Lymphknotenmetastasen waren wieder einmal stark vergrößert. Kein Problem dachte ich, die nächste Chemo wird es schon richten.
Meine Mutter litt zu diesem Zeitpunkt schon unter immensen Stimmungsschwankungen. Das war gar nicht so einfach. Oft habe ich in diesen Tagen das Thema der Stimmungsschwankungen in meinen handschriftlichen Seiten (die ich damals nicht täglich geführt habe) festgehalten. Es waren oft Kleinigkeiten – daß ihr Kaffee alle war (ja, hatte ich nicht gesehen, da ich nur Tee trinke und sie mir das nicht gesagt hatte), daß zur Currywurst kein Ketchup da war, ich durfte aber auch keine neue Ketchupflasche im Supermarkt um die Ecke besorgen …. Ja, alles Kleinigkeiten, aber ein Anzeichen der steigenden Unruhe.

Es war irgendwie eine schwierige Zeit. Wir wußten beide, daß es ihr nicht gut ging und ich habe auch viele Bemerkungen geradezu stoisch hingenommen, aber so richtig entspannt war diese Zeit nicht. Heute weiß ich, daß meine Mutter damals schon ahnte (oder sogar wußte), daß sie dem Tod entgegenging. Damals wußte ich es nicht. Ich weiß aber auch nicht, ob mir dieses Wissen zu diesem Zeitpunkt wirklich geholfen hätte …..

Und so floß der letzte halbwegs unbeschwerte Monat im Jahr 2017 dahin …..

Erinnerungen 2017

Vorgestern wurde mir bewußt, daß vor einem Jahr der Weg meiner Mutter in den Tod angefangen hat. Es war eine traurige Erinnerung – im Gegensatz zu den schönen vielen Erinnerungen an die Zeit mit meiner Mutter – und sie hat auch zu ein paar Tränen geführt. Ich habe das bei Twitter dann so geschrieben:

Bald beginnt für mich eine schwierige Zeit der Erinnerungen: vor einem Jahr um diese Zeit war meiner Mutter schon bewusst, dass sie bald sterben werde, ihre Unruhe habe ich bemerkt, die Stimmungswechsel waren zT sehr abrupt. Ab dem 08.08. wußte ich es auch, ich schrieb es auf.

Und jetzt sitze ich hier und die Tränen laufen mir über das Gesicht. Vor einem Jahr hat meine Mutter immer gesagt „Nicht weinen“ und ich bin oft herausgegangen, weil ich die Tränen nicht ganz zurückhalten konnte. Es ist gerade alles wieder so nah und greifbar.

Passend zu den vorgehenden Tweets dieses Gedicht:
Über allen Gipfeln Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

(Goethe)

Und jetzt habe ich beschlossen, über die Zeit vom Juli 2017 bis zum Dezember 2017 zu schreiben und zwar immer dann, wenn in meiner Erinnerung etwas Wichtiges – Schönes oder Trauriges war. Es ist ein guter Weg für mich, mich an diese Zeit zu erinnern und gleichzeitig gut damit umzugehen, daß manche dieser Erinnerungen einfach traurig sind.

Ich werde in den nächsten Tagen mit dem Juli 2017 beginnen und dann nach und nach erzählen, woran ich mich erinnere.