Letzte Ausflüge – 02.09.2017 und 03.09.2017

Meine Mutter ist immer gerne Auto gefahren – also mitgefahren als Beifahrerin. Mit dem Auto irgendwohin zu fahren, war für sie immer ein großes Vergnügen, während ich in den letzten Jahren eher ungern gefahren bin. Aber Anfang September 2017 haben wir an dem Wochenende noch einmal zwei schöne Fahrten gemacht.

An dem Samstag sind wir in ein Gartencenter gefahren und haben irrsinnig viele Blumenzwiebeln gekauft. Irrsinnig viele – weil ich mich nicht entscheiden konnte und einfach alles genommen habe, was mir gefiel. Meine Mutter stand – wie immer – kopfschüttelnd daneben. Während ich später Einkaufen war, hat sie allerdings fast alle Blumenzwiebeln eingepflanzt und als ich im Frühjahr aus dem Fenster schaute konnte ich mich immer an diesen Moment erinnern, als ich vom Einkaufen wiederkam und meine Mutter auf dem Rasen kniete und die Blumenzwiebeln einpflanzte. Es war schön, in diesem Frühling die vielen Krokusse, Tulpen und Osterglocken zu sehen, die meine Mutter an diesem 2. September noch eingepflanzt hat. Eine sehr schöne Erinnerung!

Am Sonntag (03.09.2017) haben wir dann nach dem Mittagessen noch mal einen richtigen Ausflug gemacht. Wir sind in die Elfringhauser Schweiz gefahren und den Höhenweg entlanggewandert. Nicht so weit, wie in früheren Zeiten, aber doch ein ganzes Stück. Und anschließend waren wir noch einmal Kaffee trinken und zwar in dem Café (Café Bärwinkel) in dem ich vor vielen Jahren meine Konfirmation feiern durfte. Es war sehr voll und wir saßen nicht lange alleine am Tisch. Zwei Motorradfahrer haben sich zu uns gesetzt und meine Mutter hat – wie immer – sofort auch mit ihnen ein Gespräch begonnen. Darin war sie unschlagbar, ganz im Gegensatz zu mir.
Es war unser letztes gemeinsames Kaffeetrinken in einem Café und ich erinnere mich sehr gerne daran. Es war noch einmal ein richtig unbeschwerter Nachmittag und ich bin froh, daß ich mir die Zeit genommen habe, mit meiner Mutter diesen kleinen Ausflug zu machen. Zeit war das, was ich ihr zu diesem Zeitpunkt am besten schenken konnte und das habe ich getan!

Der schleichende Verfall – 31.08.2017

Der Monat August zog dahin. Ich las meine Bücher über das Sterben und die palliative Medizin. Immer mal wieder weinte ich, wenn ich allein war – nur der Bürocomputer war der Zeuge meiner Tränen. Es war dieses Wissen, daß der Abschied naht – ohne zu wissen wann und wie.

Es war nicht alles schlecht in dieser Zeit. Im Gegenteil! Aber es war auch keine einfache Zeit. Täglich wurde meine Mutter ein bißchen schwächer, mit jedem Tag nahmen ihren Möglichkeiten ab. Zu Pfingsten waren wir noch von der Düsseldorfer Innenstadt nach Kaiserswerth gewandert – eine wunderschöne Strecke am Rhein entlang. Im August war an so etwas nicht mehr zu denken. Wir machten einen Spaziergang Richtung Neviges, den wir nach der Hälfte (am Bahnhof Rosenhügel) abgebrochen haben, weil es ihr zuviel wurde.

Es war auch die Zeit kurz vor der Bundestagswahl. Wählen war meiner Mutter immer sehr wichtig. Meistens sind wir gemeinsam zum Wahllokal gegangen. Aber in diesem Jahr? Was, wenn sie vor der Wahl sterben würde? Es mag unsinnig anmuten, daß ich in der Situation über solche Fragen nachgedacht habe. Aber vor einem Jahr war mir das wichtig – unglaublich wichtig. Natürlich haben wir dann Briefwahlunterlagen beantragt.

Ende August zeigten sich auch neue Beschwerden. Der rechte Arm fing an anzuschwellen, der Beginn eines Lymphödems. Mit ein paar Übungen ließ sich dies sogar in den Griff bekommen und so habe ich dann ganz kurzfristig beschlossen, zur Netzpolitikkonferenz in Berlin zu fahren (am 01.09.2017).

Es war eine Zeit, in der das Wegesende zwar schon erkennbar war, die Bewegung dahin aber so langsam war, daß man sie kaum wahrnehmen konnte. Eine Zeit des schleichenden Verfalls. Und damit auch eine Zeit, mich auf das vorzubereiten, was da noch kommen würde……

Nachtgedanken…..

Ich bin gerade ein paar Tage in Wittenberg, der Lutherstadt in Sachsen-Anhalt. Gestern war die sogenannte Erlebnisnacht. Aus meiner Sicht ein Zufall, denn mir war das bei der Buchung nicht bewußt. Ich habe gestern einige spannende „Events“ im Rahmen dieser Erlebnisnacht besucht, mein absoluter Höhepunkt war die (ganz unscheinbar im Programmhefte vermerkte) Nachtführung in der Stadtkirche.

Ich habe in meinem Leben schon viele Kirchen besucht oder besichtigt. Mit oder ohne Führung, allein oder mit anderen, aus kulturellen Gründen aber auch zum (einsamen) Orgelüben. Ich habe einen „netten Rundgang“ durch die Kirche erwartet, aber es kam anders, ganz anders.
Kurz vor der festgelegten Zeit (23.30 Uhr) waren schon einige Leute in den hinteren Bänken der Kirche verteilt. Auch ich habe mich dort hingesetzt, auf meinem Tablet ein paar Tweets gelesen und gewartet. Um 23.30 Uhr bat uns ein etwas älterer Mann in die vorderen Reihen. Technisch etwas ungelenk und langsam begann er alle Lichter in der Kirche (bis auf einen Raum, in dem sich die Künstler des Abends noch umzogen) auszumachen. Während nach und nach Licht für Licht erlosch, sprach er davon, daß man das Helle nur vor dem Dunklen sehen kann. Und plötzlich war es (bis auf das Licht aus dem kleinen Nebenraum, das durch eine Glastür fiel) stockdunkel. Ein faszinierender Moment. Ich habe noch nie während einer Führung in einer stockdunklen Kirche gesessen und mich so sehr auf die Stimme, die Worte und den Raum an sich konzentriert. Ja, genau das betonte unser Kirchenführer auch. Ganz langsam machte er dann im ältesten Teil der Kirche etwas Licht an (alles mit einem Tablet in seiner Hand) und zeichnete mit immer mehr Licht die Baugeschichte der Kirche nach.

Das Licht ging wieder aus und kurz danach war der wunderbare Cranach-Altar beleuchtet. Man muß sich das vorstellen: die Kirche liegt in fast völliger Dunkelheit, nur der Cranach-Altar ist beleuchtet und leuchtet mit seinen wunderbaren Farben.

Das Licht ging wieder aus und ich hörte unseren Kirchenführer im Dunklen zur linken Seite der Kirche gehen. Plötzlich erleuchtete ein Scheinwerfer von unten ein Menschenantlitz hoch oben auf einer Säule – der Mensch, der manchmal dem Schlimmen und Bösen gegenübersteht und Trost sucht (wo auch immer, nicht notwendigerweise in der Kirche). Und plötzlich richtete sich der Scheinwerfer auf die Säule auf der gegenüberliegenden Seite. Genau gegenüber dem Menschenantlitz hing dort eine Fratze – das Sinnbild des Bösen oder Schlimmen. Wenn der Mensch, dem es nicht gut geht, seinen Blick auf das Schlimme oder Böse fokussiert (liegt ja genau gegenüber), dann kann er keinen Trost finden. Der Trost (in diesem Moment sinnbildlich durch den Altar vertreten) liegt gerade nicht im Fokus des Menschen. Licht aus. Aber am tiefsten Punkt der Nacht beginnt der neue Tag.

Das Licht ging wieder an, die knapp halbstündige Führung war vorbei. Bei mir hat diese Art der Führung ein Gänsehautgefühl hinterlassen. Ich war unglaublich beeindruckt von der Atmosphäre und vom Spiel mit Licht und Dunkel in Verbindung mit sehr passenden Worten.

Wissen – am 08.08.2017

Wann geht Ahnung in Wissen über? Wann wird aus dem Hin- und Herschwanken zwischen Hoffnung und Angst traurige Gewißheit?

Für mich war der 08.08.2017 der Tag dieser Gewißheit. Die „Einschläge“ waren vorher immer näher gekommen. Stark vergrößerte Lymphknoten am Hals, eine neue Chemo mit neuen Nebenwirkungen und einem Schlaf, der nicht mehr erholsam war, ein stark verkleinertes Auge, weil die Lymphknoten sich hier schon auswirkten. Schon am 4. August hatte ich mir Bücher zum Thema Sterbebegleitung bestellt. Ich wollte vorbereitet sein auf das, was da irgendwann kommen würde. H. Christofori Müller-Busch und Gian Domenico Borasio wurden meine heimlichen Begleiter. Heimlich, weil ich mich erst einmal mit diesem Thema allein auseinandersetzen wollte, nicht weil ich mit meiner Mutter nicht darüber sprechen konnte.

Irgendwie war immer noch Hoffnung da. Hoffnung, daß die neue Chemo doch noch wirkt, daß es noch einmal eine Verbesserung gibt, Hoffnung auf ein kleines Wunder. Ja, was wäre der Mensch ohne Hoffnung?

Doch manchmal sind es ganz unscheinbare und völlig unabhängige „Zeichen“, die uns Gewißheit geben – selbst da, wo uns die Gewißheit weh tut….. Es war der Blick auf die Augustausgabe der Zeitschrift „brand eins“ mit dem Schwerpunkt „Loslassen„, die mir diese Gewißheit gab. Ich las den Titel und ich wußte sofort, was mein „Loslassen“ war. Es war ein sehr deutlicher Moment des Bewußtwerdens. Kein leichter Moment, weiß Gott nicht. Und in der Erinnerung an diesen Moment rinnen mir noch einmal die Tränen über das Gesicht. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich in dieser Zeit weinend an meinem Schreibtisch saß, wieviele Gespräche ich unter Tränen geführt habe, wie oft ich die Tränen vor meiner Mutter nur mühsam zurückhalten konnte.
Trotzdem möchte ich diesen Moment nicht missen. Es war traurig und schwer, diesen Moment zu erleben. Es war schön und richtig, meine Mutter auf dem Weg zum Tod begleiten zu können. Das Wissen, daß der Tod „vor der Tür steht“ und die frühzeitigen Tränen haben mir die Kraft gegeben, für meine Mutter bis zum letzten Moment da zu sein, die schönen Momente zu genießen und die traurigen Momente zu tragen. Dafür bin ich sehr dankbar. Und deswegen ist der 08.08. – bei aller Traurigkeit der Erinnerung – auch ein guter Tag!

Juli 2017

Im Juli 2017 war meine Mutter fünf Jahre wegen ihrer Brustkrebserkrankung in Behandlung. Wir wußten von Anfang an, daß eine Heilung nicht möglich war. Anfangs hatte ich nicht gedacht, daß sie überhaupt so lange und mit so großer Lebensqualität würde leben können. Noch Ende Juni hat meine Mutter eine Seite des Treppengeländers der Außentreppe abgeschliffen und gestrichen (die andere Seite erwartet mich in diesem Sommer …..).

Ich fuhr – völlig ohne irgendwelchen bösen Vorahnungen – nach Berlin zu einer Fachkonferenz. Wie immer erlaubte ich mir ein bißchen „Rahmenprogramm“ – Museums- und Theaterbesuch am Freitag, weiterer Theaterbesuch am Sonntagabend und dann noch die BUGA am Montag. Als kleines Andenken von der BUGA habe ich meiner Mutter „Bienenkugeln“ mitgebracht – drei Kugeln mit bienenfreundlichen Pflanzen.
Es war ihr wichtig, diese Bienenkugeln sofort einzupflanzen, das haben wir auch gemacht. Am Rande sagte sie, daß sie sonst ja nicht sicher sein könne, ob sie das Blühen der Pflanzen noch erleben werde. Wie wahr, aber das ahnte ich in dem Moment noch nicht. Wir haben uns täglich an den Bienenkugeln erfreut – erst haben wir mit Spannung auf das Keimen gewartet, dann auf die ersten Blumen. Und auch dieses Jahr blühen die Bienenkugeln – unter anderem war eine wunderbare Mohnblume dabei, eine Blume, die meine Mutter immer sehr geliebt hat.

Im Juli war auch klar, daß die aktuelle Chemotherapie nicht mehr wirkte, denn die Lymphknotenmetastasen waren wieder einmal stark vergrößert. Kein Problem dachte ich, die nächste Chemo wird es schon richten.
Meine Mutter litt zu diesem Zeitpunkt schon unter immensen Stimmungsschwankungen. Das war gar nicht so einfach. Oft habe ich in diesen Tagen das Thema der Stimmungsschwankungen in meinen handschriftlichen Seiten (die ich damals nicht täglich geführt habe) festgehalten. Es waren oft Kleinigkeiten – daß ihr Kaffee alle war (ja, hatte ich nicht gesehen, da ich nur Tee trinke und sie mir das nicht gesagt hatte), daß zur Currywurst kein Ketchup da war, ich durfte aber auch keine neue Ketchupflasche im Supermarkt um die Ecke besorgen …. Ja, alles Kleinigkeiten, aber ein Anzeichen der steigenden Unruhe.

Es war irgendwie eine schwierige Zeit. Wir wußten beide, daß es ihr nicht gut ging und ich habe auch viele Bemerkungen geradezu stoisch hingenommen, aber so richtig entspannt war diese Zeit nicht. Heute weiß ich, daß meine Mutter damals schon ahnte (oder sogar wußte), daß sie dem Tod entgegenging. Damals wußte ich es nicht. Ich weiß aber auch nicht, ob mir dieses Wissen zu diesem Zeitpunkt wirklich geholfen hätte …..

Und so floß der letzte halbwegs unbeschwerte Monat im Jahr 2017 dahin …..

Erinnerungen 2017

Vorgestern wurde mir bewußt, daß vor einem Jahr der Weg meiner Mutter in den Tod angefangen hat. Es war eine traurige Erinnerung – im Gegensatz zu den schönen vielen Erinnerungen an die Zeit mit meiner Mutter – und sie hat auch zu ein paar Tränen geführt. Ich habe das bei Twitter dann so geschrieben:

Bald beginnt für mich eine schwierige Zeit der Erinnerungen: vor einem Jahr um diese Zeit war meiner Mutter schon bewusst, dass sie bald sterben werde, ihre Unruhe habe ich bemerkt, die Stimmungswechsel waren zT sehr abrupt. Ab dem 08.08. wußte ich es auch, ich schrieb es auf.

Und jetzt sitze ich hier und die Tränen laufen mir über das Gesicht. Vor einem Jahr hat meine Mutter immer gesagt „Nicht weinen“ und ich bin oft herausgegangen, weil ich die Tränen nicht ganz zurückhalten konnte. Es ist gerade alles wieder so nah und greifbar.

Passend zu den vorgehenden Tweets dieses Gedicht:
Über allen Gipfeln Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

(Goethe)

Und jetzt habe ich beschlossen, über die Zeit vom Juli 2017 bis zum Dezember 2017 zu schreiben und zwar immer dann, wenn in meiner Erinnerung etwas Wichtiges – Schönes oder Trauriges war. Es ist ein guter Weg für mich, mich an diese Zeit zu erinnern und gleichzeitig gut damit umzugehen, daß manche dieser Erinnerungen einfach traurig sind.

Ich werde in den nächsten Tagen mit dem Juli 2017 beginnen und dann nach und nach erzählen, woran ich mich erinnere.

Schwarz + Weiß = Grau?

Noch bis zum 15.07.2018 läuft im Düsseldorfer Kunstpalast die Ausstellung „Black & White“ – nach eigener Aussage die erste Ausstellung, die bewusst Werke in „schwarz-weiß“ zeigt. Die Ankündigung habe ich vor kurzem am Bahnhof gesehen und heute war ich in der Ausstellung, die ich zugleich beeindruckend aber auch bedrückend fand (was durchaus auch an meiner Grundstimmung liegen kann). Abgesehen von den dort gezeigten Bildern und Installationen ließ mich das Themenfeld „schwarz-weiß-grau“ überhaupt nicht los und so schreibe ich jetzt diesen Blogbeitrag.

Schwarz-Weiß
Schwarz-Weiß ist für mich das Sinnbild der Polarisierung und vielleicht hat mich das Ausstellungsthema (zusammen mit dem Aspekt „Grau“ deshalb so getroffen). Weiter auseinander können Menschen, können Ansichten und Meinungen nicht liegen. In meinem Kopf sind fast nur Bilder und Worte der Gegenüberstellung und Polarisierung: zumindest im westlichen Kulturkreis Trauer (Tod, Beerdigung) und Freude (Hochzeit, Taufe, Diner Blanc), Rassismus, die Spielsteine beim Schachspiel, wo Gewinnen oder Verlieren im Vordergrund stehen, Schwarz-Weiß-Denken als „alles oder nichts“. Aber halt: das sind Gedanken, die bei „schwarz-weiß“ ganz klammheimlich ein „oder“ in die Mitte setzen. Etwas ist entweder schwarz oder weiß, so wie etwas entweder richtig oder falsch ist, traurig oder fröhlich, schön oder häßlich, leise oder laut. Was aber, wenn die Entscheidung nicht so „eindeutig“ ist? Ein Foto von Robert Mapplethorpe machte mich sehr nachdenklich. Das Foto zeigt seitlich den Rumpf eines nackten Mannes mit seinem Geschlechtsteil. Die linke Hälfte des Fotos ist eher hell, die rechte dunkel, die Haut schimmert vor dem hellen Hintergrund dunkel und vor dem dunklen Hintergrund hell. Ist der Fotografierte nun ein weißer oder ein schwarzer Mann? Und ist das überhaupt wichtig? Also wichtig, um das Foto anzuschauen, zu mögen oder abzulehnen?

Diese Frage führt zu einer – fast schon verwegenen – weiteren Frage: Was aber – wenn man wie im Ausstellungstitel – schwarz-weiß nicht als entweder-oder sondern als „Symbiose“ versteht? Ich erinnere mich sofort an das Lied „Ebony and Ivory“ von Paul McCartney und Stevie Wonder. Ein wunderbares Beispiel für das gute und erfolgreiche Zusammenwirken von „schwarz“ und „weiß“. Aber halt: erinnert Ihr Euch an Euren Farbkasten aus der Schulzeit? Was passiert, wenn man schwarz und weiß mischt? Es wird ….

Grau
Grau. Grau – in allen Schattierungen und Nuancen. Wir bekämpfen den Grauschleier in der Wäsche (aber nicht in unserem Leben), wir lassen uns von grauen Herren die Zeit stehlen, grau ist alle Theorie und wir bewohnen graue Städte am Meer. Ja, vor nicht allzu langer Zeit bestätigte uns sogar die Werbung, daß der Tag grau sei (der passende Whiskey für die Nacht war dann – natürlich – schwarz-weiß). Grau wie in grausam.

Und als grausam empfand ich auch die Installation von Hans Op De Beek. Grausam nicht im Ansehen, sondern im Aushalten – weil sie ganz in grau gehalten war. Man durfte diese Installation fotografieren (dies war sogar ausdrücklich erwünscht) und ich füge meine (natürlich schlechten) Fotos hier ein, um einen kleinen Eindruck zu geben.




Nur die Besucher des Raumes sollten Farbe mitbringen. Aber was, wenn man diese Farbe nicht mitbringt? Nicht in sich trägt? Das war es, was mich sehr nachdenklich machte und was ich als sehr bedrückend empfand.

Nicht nur, daß ich im Moment – aus persönlichen Gründen – immer noch an manchen Tagen einen gewissen Grauschleier mit mir herumschleppe (heute mehr als zum Beispiel gestern); nein, ich habe auch den Eindruck, daß Deutschland durch das ständige Aufreiben zwischen schwarz oder weiß einen dichten Grauschleier angenommen hat. Das offene und bunte Deutschland meiner Jugend-, Studien- und ersten Berufsjahre ist mir abhanden gekommen. Nicht weil ich es nicht schätze, sondern weil Menschen über die Geschicke des Landes bestimmen, die mit meinen Vorstellungen von Werten und Vielfalt wenig oder gar nichts anfangen können.

Mehr Farbe?
Es ist gar nicht so leicht, aus dem „Grau“ wieder herauszukommen. Das merke ich sowohl persönlich als auch im Hinblick auf die Gesellschaft. Äußerungen, die vor einigen Jahren noch undenkbar und unsagbar waren, sind heute für viele „normal“ geworden, mich lassen sie erschaudern und mir wachsen buchstäblich graue Haare. Wir achten nicht mehr auf andere Menschen – vor allem nicht auf die anderen, die zum Beispiel nicht deutsch, nicht weiß, nicht christlich oder nicht konservativ sind. Und wir achten nicht nur nicht mehr auf diese Menschen; nein, viel grundlegender wir achten diese Menschen nicht als Menschen mit Menschenrechten. Damit treten wir selbst hinter den Dominikaner (weiße Kutte, schwarze Capa – also auch hier schwarz und weiß) Bartolomé de las Casas zurück, der schon ab 1514 (!) für Menschenrechte eintrat.
Schlimmer noch: Wir lassen zu, daß Menschen auf dem grauen Meer sterben, weil wir Angst haben, daß sie uns und unser Leben verändern. Ja, und? Es ist an uns Veränderung so zu gestalten, daß es möglichst allen Menschen dabei so gut wie möglich geht. Das wir das bisher nicht in ausreichendem Maße – vor allem auf anderen Kontinenten – gemacht haben, ist ein Teil der aktuellen Probleme.
Und: Wer hätte vor vielen Jahrhunderten gedacht, daß wir heute in Deutschland Kartoffeln und Tomaten lieben? Wer hätte gedacht, daß wir gerne Pizza essen? Wer hätte gedacht, daß wir Kaffee und Tee trinken? In der Vielfalt, die gerade auch von außen kommen kann, steckt ein großer Teil der Farbe, die unser Leben – persönlich aber auch in der Gesellschaft – bunt machen kann. Wohlgemerkt – kann! Es ist nicht so, daß wir alle ein buntes und vielfältiges Leben führen müssen. Jeder kann seine eigenen Entscheidungen treffen. Aber ich freue mich immer über neue Entdeckungen – Bücher, Filme, Musik, Restaurants und Kochrezepte, die mir eine neue Farbnuance aufzeigen.

In diesem Sinne: ich möchte das „Grau“ hinter mir lassen und wieder mehr Farbe in meinem Leben haben. Und diese Möglichkeit wünsche ich mir auch für mein Umfeld.

Allein oder einsam?

Gerade eben habe ich in diesem Blog die Kategorie „allein oder einsam“ eingerichtet. Es ist ein Thema, das mich schon länger beschäftigt. Die Schlagzeilen rund um die neueste Buchveröffentlichung von Herrn Spitzer und die Aktivitäten rund um Keinerbleibtallein haben mich daran erinnert. Das Thema ist nicht nur für mich wichtig, es ist auch ein gesellschaftlich wichtiges Thema. Großbritannien hat für dieses Thema sogar ein Ministerium geschaffen (witzigerweise steht in vielen deutschen Überschriften „Ministerium für Einsamkeit“ – ein „gegen Einsamkeit“ wäre an dieser Stelle wohl treffender).

Die Frage, ob man sich in einem bestimmten Moment oder generell allein oder einsam fühlt, ist natürlich sehr subjektiv und hat meines Erachtens sehr viel mit der persönlichen Grundausrichtung zu tun.

Die eigene Ausrichtung der Persönlichkeit
In den letzten Jahren habe ich (zum Teil freiwillig, zum Teil auch „unfreiwillig“) viel über mich und meinen Blick auf die Welt gelernt. Ich habe dadurch viele Entwicklungen der letzten Jahre besser verstanden. Es gibt zwei Aspekte, auf die ich in diesem Zusammenhang eingehen möchte.

1. Die Unterscheidung in Ich-Du- und Ich-Es-Typen
Während meiner Mediationsausbildung bin ich auf die Bücher von Bernd Schmid gestoßen. Schmid unterscheidet die Menschen in Ich-Du-Typen und in Ich-Es-Typen. Dabei handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Arten, Beziehungen mit Menschen an- beziehungsweise einzugehen. Ein Ich-Du-Typ definiert sich unmittelbar über die Beziehung zum anderen Menschen – zum Beispiel über Fragen nach Vertrauen und Sympathie. Erst wenn diese Beziehungsebene positiv geklärt ist, sind Ich-Du-Typen bereit, etwas gemeinsam zu unternehmen (ein gemeinsames Projekt zum Beispiel). Ein Ich-Es-Typ definiert sich über ein gemeinsames Thema, eine gemeinsame Aufgabe oder gemeinsame Interessen. Erst wenn in dieser Hinsicht Gemeinsamkeiten da sind, kann sich für Ich-Es-Typen eine persönlichere Beziehung entwickeln. Der Wegfall des gemeinsamen Themas/der gemeinsamen Interessen kann jedoch schnell zum Wegfall beziehungsweise zum Einschlafen der persönlichen Beziehung führen.
Dieser Text war für mich hochspannend. Ich habe mich sofort als Ich-Es-Typ erkannt und ich konnte auch nachvollziehen, warum Kontakte nach Ende eines Projektes oder einer Zusammenarbeit einfach nicht mehr „funktionierten“.

2. Nähe und Distanz nach dem Riemann-Thomann-Kreuz
Den zweiten Aha-Effekt hatte ich beim Riemann-Thomann-Kreuz. Ich möchte hier jetzt nur auf die Achse „Nähe – Distanz“ eingehen. Wir Menschen tragen beide Aspekte in uns – jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Sowohl Nähe als auch Distanz haben ureigene Stärken und Schwächen, beinhalten bestimmte Wünsche und bestimmte Ausdrucksformen. Nähe beinhaltet als Stärke zum Beispiel Einfühlungsvermögen und Geduld, als Ausdruck Bescheidenheit, Distanz beinhaltet demgegenüber beispielhaft Entschlossenheit, Konfliktfähigkeit und als Ausdruck Kontaktschwierigkeiten. Auch hier habe ich schnell erkannt, daß ich meist nach Distanz strebe – ich erkenne mich in den Stärken „Entschlossenheit“ und „Konfliktfähigkeit“, aber durchaus auch in den „Kontaktschwierigkeiten“.

Allein….
Es gehört für mich zum Streben nach Distanz (nach dem Rieman-Thomann-Modell), daß ich gut alleine sein kann. Ich habe während meiner Referendarzeit in Belgien mit einer Kollegin ein kleines Büro geteilt. So sehr ich diese Kollegin auch mochte (wirklich!), so schwierig fand ich es, in einem gemeinsamen Büro zu arbeiten. Die Arbeit in einem Großraumbüro wäre für mich wohl ein „Katastrophenszenario“.
Ich genieße es, viele Dinge alleine zu machen. Lesen ist da meine Lieblingsbeschäftigung, wobei ich mich in vollen Bussen oder Zügen relativ problemlos in Bücher und Zeitungen vertiefen kann.
Auch in Museen oder Ausstellungen gehe ich durchaus gerne alleine. Natürlich ist es schön, eine Ausstellung zusammen mit anderen zu besuchen und danach darüber zu diskutieren. Aber es ist für mich keine Bedingung, um einen Museums- oder Ausstellungsbesuch zu genießen. Für die Zeit im Museumscafé habe ich ohnehin immer ein gutes Buch dabei …..
Auch Spaziergänge, Wanderungen und Ausflüge unternehme ich gerne alleine – vieles sogar recht spontan. Beim Theaterbesuch fängt es an, schwierig zu werden. Ins Theater an sich gehe ich auch alleine, aber ….

oder einsam?
…. die Pausen finde ich manchmal bedrückend. Es ist nicht so wahnsinnig schön, alleine in einer Theaterpause irgendwo herumzustehen – egal ob mit oder ohne Pausengetränk.
Noch schwieriger finde ich oft Networkingveranstaltungen und ja, Barcamps gehören dazu. Relativ häufig kommt es vor, daß ich zu Veranstaltungen gehe, bei denen ich niemand kenne. Es gibt dann viele Tische/Stehtische und (da ich ja niemanden kenne) stelle ich mich irgendwo hin. Und bleibe da stehen. Allein (oder in dem Moment wirklich einsam!). Es mag sein, daß die meisten Menschen das so nicht kennen, für mich stellen diese Momente häufig gedankliche Hürden dar – da treffen sich dann meine persönlichen Ausrichtungen „Ich-Es-Typ“ und „Distanz“ auf eher unangenehme Weise. Es gibt Tage, an denen ich das überspielen und mit etwas Überwindung andere „Alleinherumstehende“ ansprechen kann, es gibt aber auch die anderen Tage, wo ich die Zeit bis zum Anfang der eigentlichen Veranstaltung (Vortrag, Vorstellungsrunde und Sessions beim Barcamp, was auch immer) nur schwer ertrage.

Was ich mir wünsche?
Es ist für manche Menschen nicht ganz so einfach, allein zu einer Veranstaltung zu gehen. Gerade bei Vernetzungsveranstaltungen geht es ja darum, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich freue mich immer, wenn sich jemand zu mir stellt oder mich irgendwie in ein Gespräch mit einbezieht. Und wenn ich das (an den kommunikativ guten Tagen) mit anderen Menschen mache, hat das auch immer funktioniert. Was ich mir noch wünsche? Daß Veranstalter/Veranstalterinnen Menschen einfach kurz miteinander bekannt machen. Ein „Kennen Sie eigentlich schon ….“ bricht das Eis und kann (zumindest für mich) wahre Wunder wirken!

Über das Sterben reden?

Ja, unbedingt! Man könnte fast meinen, daß ich mich im Moment nur noch mit dem Thema Krankheit und Tod beschäftige. Das ist keineswegs der Fall. Aber es gibt Momente, wo ich mich an Gespräche der letzten Jahre erinnere und dies als Anlaß empfinde, über diese Themen zu schreiben. Gestern war es der Tatort am Sonntagabend, heute ist es der RTL-Bericht „Sterben gehört zum Leben dazu“ in dem Sabine Dinkel und ihre Sterbeamme Claudia Cardinal über das Leben und das Sterben sprechen. Ich habe mir das Video gerade angeschaut und finde es aus vielen Gründen wunderbar.

Was ist wenn ….?
Vor vielen Jahren (Advent 1994) habe ich zum erstenmal bewußt mit meiner Mutter über das Thema Tod gesprochen. Also bewußt in dem Sinne, daß es nicht um den Tod anderer Menschen ging, sondern um ihren eigenen Tod. Der Einstieg war banal und trotzdem ein guter Auftakt. Wir saßen gemeinsam am adventlich geschmückten Frühstückstisch. Meine Mutter sollte weniger Tage später an der Schilddrüse operiert werden. Eine Standardoperation, bei der nur selten gravierende Probleme auftauchen. Aber irgendwie war da der Gedanke „was wäre wenn….“. Ich habe an diesem Morgen meine Mutter nach den Rezepten für meine Lieblingsspeisen gefragt. Sie war zunächst erstaunt, hat dann aber verstanden, worum es mir ging und wir hatten plötzlich ein Gespräch über den Umgang mit dem Tod. Wir wußten jetzt beide, daß wir über dieses Thema sprechen können. Die Schilddrüsenoperation ein paar Tage später verlief problemlos und ja, ein paar Rezepte habe ich vorher auch bekommen.

Viele Jahre später (2012) erkrankte meine Mutter an Krebs. Es war in diesem Moment nicht so harmlos, wie die Schilddrüsenoperation von damals. Aber wir wußten, daß wir über das Thema Sterben und Tod sprechen können und das haben wir auch gemacht. Wir haben im Laufe der Zeit über Vollmachten und Patientenverfügung gesprochen, über Behandlungsmethoden, die sie akzeptiert oder ablehnt, über ihre Vorstellungen von ihrer Beerdigung. Ich hatte unter meinem Schreibtisch einen Order stehen, in dem ich die Dokumente und Wünsche aufbewahrt habe. Als der Tag „X“ gekommen war, habe ich den Ordner hervorgezogen und war vorbereitet. Ich kannte ihre Wünsche (Rasenreihengrab), ich wußte, wen ich informieren sollte, ich wußte sogar, welches Lied sie sich gewünscht hat. Es hat mir wahnsinnig geholfen, daß ich in dem Moment der Traurigkeit immer das Gefühl hatte, daß ich jetzt genau das mache, was sie sich gewünscht hat.

Aber das Leben und das Lachen nicht vergessen!
So wichtig es ist, über das Sterben und den Tod zu reden, so wenig sollte man das Leben und das Lachen vergessen. Meine Mutter war immer ein sehr fröhlicher, humorvoller und aktiver Mensch. Das hatte sich durch die Krankheit nicht geändert. Wir haben in den Jahren viel gelacht, viel unternommen und viel zusammen genossen. Ganz wichtig war es meiner Mutter, daß die Krankheit in unserem Alltag nicht ständig im Vordergrund steht. Ganz am Anfang ihrer Erkrankung haben wir daher eine Vereinbarung getroffen: sie durfte mich jederzeit auf das Thema Krankheit ansprechen – zum Beispiel wenn sie Fragen hatte, wenn es ihr nicht gut ging, wenn sie Nebenwirkungen von der Chemo hatte. Ich durfte vor Terminen natürlich fragen, ob sie etwas braucht (ausgefüllte Formulare, Fragen sammeln, sie begleiten), ansonsten hat sie bestimmt, ob und wann wir über die Krankheit sprechen. Wir sind mit dieser Vereinbarung gut „gefahren“. Es gab – trotz Chemos und Nebenwirkungen – einen normalen Alltag – mit vielen Späßen, viel Gelächter, schönen Gesprächen über tausend Themen, schöne Spaziergänge und Ausflüge. Das sind alles Dinge, die ich heute in meiner Erinnerung trage und die mich tragen.
Natürlich gab es auch weniger schöne Tage. Es gab Tage, an denen es meiner Mutter nicht gut ging. Es gab Tage, an denen sie oder ich völlig unabhängig von der Krankheit schlechter Stimmung waren, es gab Tage, an denen wir nicht genug Geduld miteinander hatten. Aber das alles ist normal und diese Normalität war für meine Mutter unglaublich wichtig.

Die Ambivalenz aushalten!
Ich mußte beim Schreiben gerade an diesen Satz denken, den Goethe Faust in den Mund legt: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Der schöne Augenblick beinhaltet immer schon das Vergehen dieses Augenblicks und die Verwandlung in etwas anderes, nämlich in Erinnerung, und niemals war mir das bewußter als in den letzten Jahren. Über jeden schönen Ausflug habe ich mich gefreut und ihn genossen und oft war da diese kleine Stimme, die fragte „wird es ein nächstes Mal geben“? Gerade in den letzten Monaten und Wochen fiel es mir zunehmend schwerer diese Ambivalenz auszuhalten. Oft schossen mir in besonders schönen Momenten oder in Gesprächen mit anderen Menschen die Tränen in die Augen. „Nicht weinen“ hat meine Mutter oft gesagt – ihr war das wichtig, vor allem, weil meine Tränen ihren Weg noch schwieriger machten. Tief durchatmen und wieder lächeln – das war nicht immer einfach, aber es hat mir auch in der schwierigen Zeit viele wunderbare Erlebnisse und Momente mit meiner Mutter beschert!

Wenn ich heute aus dem Fenster auf den Garten schaue, dann sehe ich die Blumen, die meine Mutter mit mir zusammen im September als Blumenzwiebeln eingepflanzt hat. Es hat uns beiden Spaß gemacht und es ist schön, in diesem Moment mit einem Strauß kleiner Osterglocken vor Augen an sie zu denken.

Paßt das für jeden?
Nein, das paßt nicht für jeden. Menschen sind sehr unterschiedlich und das ist gut so. Ich fand es aber in dem Film wunderbar, daß die Sterbeamme gerade nicht die traurige Seite in den Vordergrund stellt. Diese Seite beherrschen wir Menschen meistens schon alleine sehr gut. Es ist oft viel schwieriger in schwierigen Moment auch das Schöne, das Leichte und das Fröhliche zu sehen und zu leben. Manchmal gehen diese Momente auch einfach im Alltag unter – wie schön, wenn es dann Menschen gibt, die einen an die Hand nehmen und begleiten und die trotzdem die Ambivalenz der Gefühle aushalten.

Ich selbst denke jetzt intensiver über mein Leben und mein – irgendwann kommendes – Sterben nach. Dieses Nachdenken ist wichtig, weil es mir gleichzeitig die Schönheit des Lebens aufzeigt. Es ist wie mit einer Blume. Sie wächst heran, blüht und irgendwann ist sie verblüht. Das Verblühen gehört zum Kreislauf des Lebens und das ist gut so. Aber die Blütezeit genießen solange sie dauert, das ist die wunderbare Aufgabe, die ich jetzt habe!

Gestern im Fernsehen …. und eine Erinnerung an 2017

Es ist selten, daß mich eine Sendung im Fernsehen wirklich tief berührt oder gar aufwühlt. Gestern war so ein Tag und ich meine den Tatort „Im toten Winkel“. Der eigentliche Krimi war fast unbedeutend, wirklich im Vordergrund standen ganz andere Themen: schwer kranke Menschen und ihre sie pflegenden Angehörigen.

Ich habe im letzten Jahr einen sehr kleinen und (glücklicherweise kurzen) Einblick in das Leben pflegender Angehöriger bekommen. Meine Mutter ist im Frühsommer 2012 an Brustkrebs erkrankt. Es war leider sehr früh klar, daß eine dauerhafte Heilung nicht möglich ist. Aber die Behandlungen waren in den ersten Jahren immer wieder so erfolgreich, daß sie längere Zeiten ohne Chemotherapie verbringen konnte. Ab Sommer 2016 war das anders und die ununterbrochene Chemo war schon belastend – körperlich aber auch seelisch. Ein letzter Chemoerfolg war meiner Mutter Anfang 2017 vergönnt – eine Chemo schlug wieder an und ihr ging es noch einmal richtig gut. Aber sie hat wohl auch schon gemerkt, daß sich ihr Ende nähert. Ich erinnere mich noch daran, daß ich Anfang Juli von der IGA in Berlin Pflanzkugeln mit bienenfreundlichen Blumen mitgebracht habe. Sie hat sich gewünscht, diese Kugeln sofort einzupflanzen – weil sie ja nicht wisse, ob sie das nächste Jahr noch erleben werde. Natürlich haben wir die Pflanzkugeln gepflanzt und uns bis in den späten Herbst an den immer wieder neuen bunten Blumen erfreut.

Weniger erfreulich waren anderen Entwicklungen. Ab dem Frühsommer wirkte die bis dahin erfolgreiche Chemo nicht mehr. Eine neue Chemo stand ab Anfang August an und irgendetwas war anders. Ich kann gar nicht erklären, was es war – aber mir war plötzlich sehr bewußt, daß meine Mutter sich dem Tod nähert. Natürlich habe ich noch gehofft, daß die neue Chemo doch noch wirkt, aber es war eine andere Art Hoffen als in den Monaten und Jahren zuvor. Mitte September ging es meiner Mutter schlagartig schlechter. Sie hatte sehr viel Kraft verloren, statt der langen Spaziergänge, die wir noch im Juni/Juli gemacht hatten, waren nur noch kurze Wege möglich. Ende September brachte eine andere Chemo eine kurzzeitige Verbesserung – sie hatte wieder etwas mehr Kraft und konnte wieder besser sprechen (die Lymphknoten am Hals waren leider auch betroffen). Leider vertrug sie diese Chemo nicht und uns war ab Mitte Oktober beiden klar, daß ihr Tod nur noch eine Frage der Zeit war.

Emotional war das für uns beide eine sehr schwere Zeit. Es war für meine Mutter schrecklich zu erleben, wie sie täglich Kraft verlor und normale Dinge ihres Alltags nicht mehr machen konnte. Sie sprach in der Zeit oft davon, daß man ein Tier nicht so leiden lassen würde wie einen Menschen. In dieser Zeit hat sie sich auch telefonisch von vielen Menschen verabschiedet Für mich war es schwer, zu sehen wie sehr sie unter ihrem Verfall leidet und auch ihren Verfall mitzuerleben, ohne ihr wirklich helfen zu können. Ich habe oft in meinem Büro gesessen und geweint. Gleichzeitig habe ich mir bewußt sehr viel Zeit genommen, um mit meiner Mutter zusammen zu sein – noch nie in meinem Leben habe ich so viele Rosamunde-Pilcher-Filme und andere Liebes- und Heile-Welt-Filme gesehen. Sie mochte solche Filme und mir war es nur wichtig, Zeit mit ihr zu verbringen.

Tag für Tag wurde meine Mutter schwächer und ab Mitte November wurde es für sie richtig schwierig. Aufgrund von Ödemen im Arm- und Halsbereich konnte sie ihre Hand kaum noch bewegen, sie litt unter Verspannungen und sie hatte Atemnot. Sie wollte dann ins Krankenhaus gehen, doch ich habe sie davon überzeugt, daß es besser wäre die „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) einzuschalten. Am nächsten Tag (es war der 22. November) ging sie deswegen zu ihrem Hausarzt. Ich war mehr als überrascht – positiv überrascht – daß der SAPV sich noch am selben Vormittag telefonisch bei mir meldete und für den frühen Nachmittag einen Termin vereinbarte. Das Gespräch war sehr gut und noch am selben Abend wurden für meine Mutter von der Apotheke Morphintropfen gegen die Atemnot geliefert. Es war ein unglaublich gutes Gefühl, jemanden im Boot zu haben, der sich – kompetent und gleichzeitig sehr liebevoll – um meine Mutter kümmerte. Jeden Tag kam jemand vom SAPV-Team, um zu sehen, wie es meiner Mutter ging. Wir bekamen am nächsten Tag einen großen „Notfallbeutel“ mit Medikamenten für Notfälle (zum Beispiel Lutschtabletten gegen Angstzustände). Ich wurde in die Gabe der Morphintropfen (Dosis, Zeitraum, Steigerung im Bedarfsfall) eingewiesen und mir wurden die wichtigsten Medikamente aus dem Notfallbeutel vorgestellt. Heute ist das so weit weg, daß ich mich an die einzelnen Medikamente nicht mehr erinnere. Zusätzlich bekamen wir eine Notfalltelefonnummer unter der wir Tag und Nacht jemanden erreichen konnten. Es war ein unglaublich gutes Gefühl, in Notfällen auf jemand zurückgreifen zu können. Wir haben das glücklicherweise nicht gebraucht. Durch die Atemnot waren die Nächte zwar schwierig (meine Mutter hatte starke Angst vor der Atemnot) – aber mit einer leicht erhöhten Dosis Morphintropfen und einmal auch einer Lutschtablette gegen die Angst haben wir das hinbekommen. Gleichzeitig haben sich die Menschen vom SAPV auch um die „bürokratischen“ Dinge gekümmert – Hospizantrag (das war der Wunsch meiner Mutter) vorbereitet, mich beim Antrag wegen Einstufung in eine Pflegeklasse unterstützt, um das (glücklicherweise nicht mehr notwendige Pflegebett) gekümmert – es war jemand da, der sich mit mir wirklich um meine Mutter gesorgt hat.

Am 1. Dezember ist meine Mutter ins Hospiz gegangen und dort ist sie am Morgen des 5. Dezember eingeschlafen. Objektiv betrachtet, war es eine sehr kurze Zeit, in der meine Mutter meine „Pflege“ benötigte. Auch die Zeit der emotionalen Betroffenheit war (von August bis Dezember) relativ kurz. Insofern ist es natürlich vermessen, wenn ich mich jetzt zum Thema „pflegende Angehörige“ äußere. Aber in dieser kurzen Zeit sind mir schon einige Dinge aufgefallen, die auch gestern im Tatort eine Rolle spielten. Ich habe in der kurzen Zeit den Schmerz kennengelernt, wenn man jemandem, der einem sehr nahe ist, so gar nicht helfen kann. Ich habe die Überforderung und Hilflosigkeit kennengelernt, wenn man nicht weiß, was man tun soll (nächtliche Atemnot, Ödeme) oder nicht weiß, wie man jemanden aus dem Sessel bekommt. Selbst der kurze Weg zur Toilette kann sich dann wie ein wahnsinniger Hürdenlauf anfühlen. Ich habe die Angst kennengelernt, ob ich ihr weh tue, wenn ich (ohne Kenntnis von Pflegegriffen) versuche, sie „hochzuziehen“. Ich habe die Enttäuschung kennengelernt, daß sie Speisen/Getränke, die ich extra für sie gemacht habe, kaum oder gar nicht essen wollte (das ist normal, das wußte ich – aber es tut trotzdem weh). Ich habe die Veränderungen bemerkt, die durch die Gabe der Morphintropfen eintraten. Es war ein kurzer Einblick in die Arbeit und in das Leid, das manche Menschen (Kranke und Pflegende) jahrelang ertragen müssen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es meiner Mutter und mir ergangen wäre, wenn wir eine derart lange Zeit des Leidens hätten durchstehen müssen.

Auf Twitter fragte gestern jemand die „Tatort-Betroffenen“, ob die sich das nicht so hätten vorstellen können. Nein, ganz ehrlich. Ich wußte immer, daß eine schwierige Zeit kommen kann und ich habe ab August auch viel dazu gelesen. Aber konkret vorstellen konnte ich mir das nicht. Wie auch, ich habe das vorher nie erlebt. Es war eine schwierige Zeit. Gleichzeitig möchte ich diese Zeit nicht missen. Es war wunderbar, daß ich meine Mutter bis zu ihrem Tod begleiten konnte und es war schön, daß wir bewußt voneinander Abschied nehmen konnte. Ich bin aber auch dankbar für die unglaubliche Hilfe, die ich durch die SAPV Wuppertal GmbH bekommen habe. Ohne diese Hilfe wäre der letzte Teil des Weges viel schwieriger gewesen.