Welche Frauencharaktere aus Büchern sind mein Vorbild und warum?

Die Frage oben ist das „Schreibthema“ dieses Monats bei der Bookloverchallenge. Als ich vorhin – zwischen einem Klangspaziergang und dem Beginn eines Vortrags – etwas Zeit hatte, habe ich ein paar Gedanken zu dieser Frage festgehalten. Mal schauen, ob ich damit – noch vor Mitternacht – so etwas wie einen kurzen Blogbeitrag hinbekomme.

Welche Frauencharaktere sind also mein Vorbild und warum?
Es ist eine Frage, an der ich scheitere. Ich lese schon ziemlich viel und es sind oft auch interessante Frauencharaktere dabei. Aber Vorbilder? Nein. Es liegt daran, dass ich den Begriff des Vorbilds (egal ob männlich oder weiblich) schwierig finde. Es gibt Buchcharaktere, die mich ansprechen, berühren, interessieren oder neugierig machen und damit sogar zu weiterer Suche oder Lektüre anregen. Da könnte ich einige nennen. Aber als „Vorbilder“ würde ich sie nicht bezeichnen.

Manchmal handelt es sich um historisch reale Personen, die in Theaterstücken oder Romanen natürlich eine fiktive Rolle „übernehmen“. Was ist wahr, was ist Fiktion, wenn ich einen Roman oder ein Theaterstück über Elizabeth I, Margarethe I oder Mary Stuart lese? Wie stark nehme ich Gedanken, Gefühle oder die Haltung von anderen Romanfiguren mit? Wie und vor allem wie lange werde ich mich an Stasia, Christine und Kitty (drei der Frauen aus Nino Haratischwilis Buch „Das achte Leben (für Brilka)“ erinnern?

Jede dieser „Figuren“ hat natürlich eine Wirkung auf mich als Leserin. Nicht unbedingt immer nur positiv (ich war über Nelly Blys fehlende Neugier während der Weltreise enttäuscht), aber doch sichtbar. Ich könnte jetzt die „Frauenfiguren“ der Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, gedanklich vorbeiflanieren lassen. Viele davon waren mir sympathisch, manche habe ich nicht verstanden (die überirdische Geduld von Fanny Price in Mansfield Park), manche haben mich positiv überrascht (die Offenheit von Elizabeth Bisland für die Begegnung mit fremden Menschen und Kulturen). Sie alle haben mich ein Stück begleitet, mir ihre Geschichten, ihre Worte und ihre Gefühle geschenkt, manche sind vielleicht zu guten Bekannten geworden, aber eben nicht zu Vorbildern.

Im Begriff des Vorbilds steckt für mich stark der Gedanke des „Nacheiferns“, des „ich will so sein wie sie“ und das paßt nicht. Ich will über Fragen nachdenken, die diese Figuren beschäftigen, ich will über ihre Konflikte und ihre Entscheidungen nachdenken, ich will mit ihnen traurig oder fröhlich sein. Aber: ich will nicht so sein wie sie!

Vielleicht sollte ich irgendwann mal in einer ruhigen Minute festhalten, warum ich welches Buch/welche Figur aus einem Buch tatsächlich schätze. Aber das ist keine Aufgabe für heute Abend.

R: „Das achte Leben (für Brilka)“ von Nino Haratischwili

Es ist der letzte Tag, um meinen „Beitrag“ für die Bookloverchallenge zu schreiben. Ich bin – wie fast immer – damit spät dran und das obwohl ich das Buch schon länger ausgelesen habe. Diesen Monat stand als eine Aufgabe auf dem Programm „Lies ein Buch mit einer starken Frauenrolle“. Erst wollte ich etwas zu/mit/über Maria Stuart lesen, aber dann fiel mir auf, dass in dem Buch „Das achte Leben (für Brilka)“ unglaublich starke Frauen leben. Ja, sie leben wirklich in dieser Geschichte von einer Familie, die ein ganzes Jahrhundert erzählt und überbrückt.

Die Geschichte erzählt die Leben der einzelnen (wichtigen) Familienmitglieder vor dem Hintergrund der georgischen und russischen Geschichte. Auch wenn die ersten Seite Stasias Vater gehören, so beginnt das Buch doch wirklich mit Stasia, der Tochter des Schokoladenfabrikanten, ihren Träumen, ihren Entscheidungen und ihrer Familiengründung. Als Leserin begleite ich Stasia durch die Wirren der russischen Revolution, durch Sankt Petersburg – auf der Suche nach ihrem Mann. Irgendwann kehrt sie nach Georgien zurück und wir schauen auf ihre jüngere Schwester, Christine. Christine heiratet „gut“, hat ein großes Haus und nimmt Stasia und ihre Kinder Kostja und Kitty auf. Stasia freundet sich mit Sopio an, die aufgrund ihrer Herkunft und Interessen eine Außenseiterin ist. So wandern wir durch die Generationen und begleiten in jeder Generation – und immer vor dem Hintergrund der Geschichte – die persönliche Lebensgeschichte eines Menschen.

Die Frauen in dem Buch sind besonders stark: Stasia, die das Rezept der Schokolade kennt und weitergibt, die den Schmerz kennt und die mit vielen Menschen sehr verbunden ist, Christine, die aufgrund ihrer Schönheit sehr leiden muß, viel verliert und sich doch sehr um die Menschen bemüht, die ihr am Herzen liegen, Kitty, die ihr Kind verliert und trotzdem für sich einen guten Weg findet – möchte ich nur beispielhaft nennen.

Es ist ein wunderbares und sehr spannend geschriebenes Buch. Keine Seite war zuviel. Manchmal habe ich beim Lesen Pausen gemacht, andere Bücher weiter gelesen, denn nicht alles ist schön, glücklich oder harmonisch. Ich fand es spannend, in der Form des Romans auch etwas über georgische und russische Geschichte zu lernen.

Sehr empfehlenswert ist auch die Aufführung dieses Buchs als Theaterstück beim Schauspiel Essen – natürlich stark gekürzt und trotzdem fast vier Stunden lang.

R: „Arsène Lupin, gentleman-cambrioleur“ von Maurice Leblanc

Eine Aprilaufgabe der Bookloverchallenge war es, einen Reihenauftakt zu lesen. Ich war zunächst unentschlossen (wie so oft bei zu vielen guten Büchern). Aber dann habe ich mich für Arsène Lupin von Maurice Leblanc entschieden und – weil es der Reihenauftakt sein sollte – für das erste Buch, in dem Arsène Lupin auftaucht, also Arsène Lupin, gentleman-cambrioleur.

Interessanterweise ist das erste Buch kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Sammlung kürzerer Geschichten, in denen die Anfänge von Arsène Lupin geschildert werden. Passend zu den beiden anderen Büchern, die ich diesen Monat für die Bookloverchallenge gelesen habe, spielt die allerste Geschichte auf einem Schiff. Auf dem Schiff verschwinden Wertgegenstände und es wird gemunkelt, dass der Gauner Arsène Lupin an Board ist. Ja, ist er. Allerdings wäre ich nicht darauf gekommen, wer er ist. Erst als sein Gegner Inspektor Ganimard ihn am Ankunftsort erwartet und festnimmt, war es für mich klar.

Arsène Lupin ist ein charmanter, intelligenter und gewiefter Gauner, der es vor allem auf sehr wertvolle Stücke reicher Menschen abgesehen hat. Seine Methoden sind interessant und (fast schon glücklicherweise) ist er immer ein kleines bißchen schlauer als Ganimard.
Es waren schöne Geschichten, die durchaus Lust auf mehr machen (einige der folgenden Bände sind wohl tatsächlich Romane). Vor allem sind es im wesentlichen Geschichten ohne Gewalt. Es geht immer eher um den „Weg“ als um den Raub oder Diebstahl und oft tritt Arsène Lupin auch als ein Gauner auf, der trotz allem Gutes im Schilde führt. Nach den Erzählungen seiner frühen Geschichten und „Jugendsünden“ bin ich jetzt tatsächlich gespannt, was im nächsten Band passiert.

R: „Eighty Days“ von Matthew Goodman

Nach der Lektüre von Jules Verne „Le tour du monde en 80 jours“ folgte dann das eigentliche Wunschbuch, „Eighty Days“ von Matthew Goodman.

Nellie Bly ist eine junge amerikanische Journalistin, die in den 1880er Jahren unbedingt in New York Fuß fassen will. Frauen sind als Journalistinnen zu diesem Zeitpunkt noch eher unüblich. Aber sie schafft es. Zunächst arbeitet sie vor allem „under cover“ – so läßt sie sich zum Beispiel in eine Irrenanstalt einweisen, um die dort herrschenden Zustände aufzudecken. Irgendwann hat sie die Idee, die Reise aus dem Buch von Jules Verne tatsächlich alleine nachzureisen. Ihre Zeitung (die von Joseph Pulitzer gegründete World) ist zunächst nicht so begeistert. Aber einige Zeit später greift man die Idee doch auf. Am 14. November 1889 startet sie von New York aus mit einem Schiff nach Europa.
Das ist in dem Moment ein großes Medienereignis und eine der konkurrierenden New Yorker Zeitungen, nämlich „The Cosmopolitan“ möchte mithalten. Deshalb schickt man auch dort eine junge Journalistin auf den Weg – Elisabeth Bisland reist in umgekehrter Richtung, also zunächst mit dem Zug nach Kalifornien.

Matthew Goodman schildert im Buch die Geschichten beider Frauen – ihre Herkunft, ihren Werdegang und ihre Reiseetappen. Anfangs lagen meine Sympathien ganz klar bei Nellie Bly. Schließlich hatte sie die Idee und ich fand es irgendwie „unfair“, dass jemand ohne ihr Wissen gegen sie antrat. Zur Mitte des Buches hin veränderte sich das. Elizabeth Bisland schien die Reise – trotz der Kürze der Zeit – zu genießen, die Einblicke in fremde Länder und Kulturen. Für Nellie Bly schien die fremde Umgebung eher ein notwendiges Übel zu sein, sie wollte eigentlich nur so schnell wie möglich nach New York zurück. Irgendwie fehlte ihr plötzlich die Neugier, die ich vorher bei ihr als Journalistin erlebt hatte.

Daheim in New York fand die World spannende Wege, die Reise zu vermarkten und so die Auflage zu steigern, obwohl man von der Reise selbst relativ wenig mitbekommen konnte. Am Ende kam Nellie Bly zuerst in New York an – nach 72 Tagen (die Zeit wurde damals sehr genau gemessen – in Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden). Ein paar Tage später erreichte auch Elizabeth Bisland das Ende der Reise.

Mir hat das Buch unglaublich gut gefallen. Es war gleichzeitig eine Zeitreise durch die Anfänge des weiblichen Journalismus, weibliche Alleinreisen, damalige Reisemöglichkeiten und die Welt zu dieser Zeit. Die Gegenüberstellung dieser so unterschiedlichen Frauen und ihrer entgegengesetzten Reisewege war unglaublich spannend. Wirklich ein richtig gutes Buch!

R: „Le tour du monde en 80 jours“ von Jules Verne

Es ist gar nicht so schlecht, wenn man die „Lesepflichten“ oder eher „Lesewünsche“ für unterschiedliche Aktivitäten bündeln kann. Weltreise war das Thema der Bücherbar für den Monat April und auch dort durfte jede/jeder das lesen, was ihr/ihm gefiel. Ich hatte für mein Blogprojekt zwei Bücher entdeckt, die mich reizten. Ein Fund war „Eighty Days“ von Matthew Goodman, der die Reise von Nellie Bly und Elizabeth Bisland rund um die Welt in einem Buch dargestellt hat. Was hat das jetzt mit dem Buch von Jules Verne zu tun? Aus meiner Sicht gab es zwei Gründe:
(1) Ich habe das Buch von Matthew Goodman überhaupt nur gefunden, weil ich nach „In 80 Tagen um die Welt gesucht habe“.
(2) Nellie Bly wollte die fiktive Reise von Phileas Fogg, dem Romanhelden von Jules Verne, in der Praxis nachreisen.
Deswegen habe ich zunächst das Buch von Jules Verne gelesen.

Jules Verne habe ich bisher vor allem mit dem Thema Science Fiction in Verbindung gebracht. Da das nicht „mein Thema“ ist, habe ich einen großen Bogen um seine Werke gemacht. Aber in dem Roman „In 80 Tagen um die Welt“ geht es tatsächlich um eine Reise um die Welt. Mit dem Bau des Suezkanals wurde Reisen schneller. Das Buch ist nur ein paar Jahre nach dem Kanalbau erschienen.

Der sehr prinzipientreue Engländer Phileas Fogg wettet in seinem Club, dass er es schafft, diese Reise um die Welt in 80 Tagen zu schaffen. Wetteinsatz ist die Hälfte seines Vermögens, die andere Hälfte nimmt er auf die Reise mit. Zusammen mit seinem neuen Diener Passepartout (etwas neugierig und vor allem mit der Gabe, Fettnäpfchen mitzunehmen) macht er sich auf den Weg. Über die Orte auf der Reise erfährt man gar nicht so viel. Passpartout ist wenigstens noch etwas neugierig, Phileas Fogg interessiert sich nur für die Weiterreise, nicht für die Schönheiten oder Besonderheiten der Orte.
Das Ende (ich möchte es hier nicht verraten) fand ich überraschend.

Insgesamt: kein schlechtes Buch, aber auch kein wirkliches Highlight.

R: „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel

Die zweite Märzaufgabe der Booklover-Challenge war „Lies ein Buch, bei dem es um einen Kampf geht“.
Eher zufällig habe ich im Februar ein Buch gefunden, in dem es tatsächlich um einen Kampf ging und das für diese Aufgabe perfekt paßte. Ich habe es vor einigen Tagen schon zuende gelesen. Fast jeden Tag ein paar Seiten, weil es manchmal gar nicht möglich war, so viel auf einmal zu lesen.

Franz Werfel ist Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts mit seiner Frau Alma Mahler in den Nahen Osten gereist. Auf dieser Reise (wohl in Syrien) begegneten ihm Überlebende des Völkermords und wohl auch der Geschehnisse auf dem Musa Dagh. Er erfuhr dadurch von der Verfolgung der Armenier und eben auch von der Geschichte der Ereignisse auf dem Musa Dagh (die in Wahrheit nicht 40 sondern 53 Tage dauerte). Zurück in Wien ließ er sich die Akten aus dieser Zeit kommen, recherchierte umfangreich und schrieb dann den Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Der Roman erschien 1933, wurde jedoch schon im Februar 1934 in Deutschland verboten, in der Türkei im Januar 1935.

Handlung: Der Armenier Gabriel Bagradian lebt schon länger in Frankreich. Er hat dort studiert und eine französische Frau geheiratet, gemeinsam haben sie einen Sohn – Stephan. Mit seinem armenischen Heimatort Yogonoluk verbindet ihn erst einmal wenig. Als sein älterer Bruder stirbt, reist er mit seiner Familie dennoch nach Hause. Es ist eine unruhige Zeit. Während Bagradian und seine Familie sich vor Ort ein bißchen einleben, wird die Situation langsam „brenzlig“, gleichzeitig bemüht sich der Protestant Johannes Lepsius (den es wirklich gab!) in Istanbul politisch um die Rettung der Armenier. Zu dieser Zeit geschehen allerdings schon zwei Dinge – die Verschleppung der intellektuellen Armenier aus Istanbul und die Vertreibung der armenischen Menschen aus der Stadt Zeitun. Einer der Vertriebenen kommt mit seiner Familie nach Yogonoluk zurück, wo er geboren wurde und sein Vater noch lebt. Er ist damit nicht in Sicherheit, denn auch hier droht die Vertreibung. Gabriel Bagradian, der militärische Erfahrungen in der osmanischen Armee gesammelt hat, entwirft jedoch einen Plan. Die circa 4500 armenischen Einwohner ziehen auf den Berg Musa Dagh und versuchen, dort zu überleben. Gemeinsam mit einigen anderen wichtigen Menschen aus den Dörfern organisiert Bagradian das Leben auf dem Berg und die Verteidigung. Nach 40 langen und auch harten Tagen werden sie von französischen Schiffen gerettet.

Es war kein leichtes Buch und kein vergnügtes Lesen. Aber ich habe das Buch mit großer Begeisterung und Anteilnahme gelesen. Die Tatsache, dass diese Geschichte – wenn auch nicht mit den konkreten Personen – tatsächlich passiert ist, hat mein Interesse an dem Buch sicher stark beeinflußt. An manchen Stellen habe ich das Buch, weil es zu traurig und natürlich in einem gewissen Sinne hoffnungslos war, auch mal zur Seite gelegt, an manchen Stellen ein anderes (fröhlicheres) Buch genommen, aber ich habe immer aus eigenem Antrieb weitergelesen. Weil ich es so wichtig fand dieses Buch zu lesen und weil ich soviele der Gedanken, der Gespräche und auch der Schwierigkeiten nachvollziehen konnte. Was ich vor allem sehr interessant fand – die Schilderung der Prozesse in der Gesellschaft auf dem Berg. Also die Art der Kommunikation, aber auch der Umgang mit dem Thema Solidarität (oder eben fehlender Solidarität), die Schwächung aller durch die Schwächen und Angriffe einzelner Menschen. Einfach die ganzen alltäglichen Schwierigkeiten, wenn man zig Menschen zu ihrem eigenen Vorteil und Überleben irgendwie unter einen Hut bekommen muß. Die Schilderung der Schwächen ist manchmal schonungslos, auch bei den Hauptpersonen. Aber gerade das machte für mich das Lesen noch einmal besonders wertvoll.

Ein Buch, in dem es um einen Kampf und um das Überleben geht, ist nie wirklich einfach zu lesen. Was es mir tatsächlich leichter gemacht hat war das Gefühl, dass es hier um einen „guten“ Kampf ging, darum dass die armenischen Menschen aus den Dörfern nicht sterben. Gleichzeitig fand ich es faszinierend, dass es diese Geschichte mit einem „guten Ende“ (also gut im Sinne von Überleben) tatsächlich gab. Spannend fand ich es auch, in dem Zusammenhang mehr über die konkrete Geschichte und auch über die einzelnen Personen zu lesen. Das werde ich hoffentlich noch in Ruhe vertiefen können.

Links zum Hintergrund:
Die vierzig Tage des Musa Dagh
Johannes Lepsius
Moses Der Kalousdian
Vortrag zur Entstehung des Romans
https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/genozid-an-den-armeniern/218058/aghet-der-voelkermord-an-den-armeniern/
https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/genozid-an-den-armeniern/224092/der-voelkermord-an-den-armeniern-1915-16-in-deutschen-akten/
https://www.deutschlandfunk.de/massenmord-an-tuerkischen-armeniern-1915-keine-100.html
https://taz.de/Voelkermord-an-den-Armeniern/!5122291/
– Projekt Houshamadyan

R: „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck

Ich habe das Buch nur wegen des Buchclubs gelesen!
Was ich vor kurzem in einem Theaterstück des Pan Pan Theater beim FFT Düsseldorf gehört habe, stimmt definitiv für dieses Buch.
Früchte des Zorns war das Buch, das ich gemeinsam mit vielen anderen von Januar bis März im Buchclub des Staatstheaters Augsburg gelesen habe. Kurz zuvor habe ich die deutschsprachige Hardcover-Ausgabe dieses Buches zufällig in einem Regal entdeckt – vermutlich irgendwann von meinem Vater gekauft. Damit erfüllt das Buch gleichzeitig zwei Kriterien: das gemeinsame Lesen für den Buchclub und die März-Aufgabe der Booklover-Challenge „Lies ein Hardcover“.

Ganz ehrlich: ohne den Buchclub hätte ich das Buch nicht gelesen (und schon gar nicht zuende gelesen). Als der Buchclub aufhörte fehlten mir noch circa 50 Seiten, diese 50 Seiten habe ich – immer mal zwischendurch – bis Ende März gelesen.

Die Handlung: in Oklahoma ist es Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts fürchterlich trocken. Die Dürre führt dazu, dass die Menschen auf ihrem Land (es sind größtenteils kleine Farmen) nicht mehr genug anbauen und ernten können, um zu überleben. Sie versuchen zunächst sich mit Bankkrediten über Wasser zu halten, aber da die Dürre anhält, verlieren sie ihr Land, ihre Häuser und letztlich auch ihre Heimat. Vor diesem Hintergrund begegnen wir Tom, dem Sohn der Familie Joad der im Gefängnis war, und nun auf die Farm seiner Familie zurückkehren will. Aber seine Familie ist nicht mehr da, das Häuschen steht auch nicht mehr. Er erfährt gerade noch rechtzeitig, wo sich seine Familie befindet und macht sich mit ihnen und einem Prediger, dem er unterwegs begegnet ist, auf den Weg nach Kalifornien, wo angeblich noch Arbeit zu finden ist. Der Weg nach Kalifornien ist weit, er ist hart, er ist mit Entbehrungen verbunden, aber alle hoffen noch. Doch – wie könnte es anders sein – die Hoffnung erfüllt sich nicht. Der Treck der Neuankommenden stößt bei den Alteingesessenen auf „wenig“ Begeisterung, Arbeit gibt es auch nicht genug für alle, die sich auf den Weg gemacht haben und die Bedingungen in den Lagern sind zum größten Teil schlecht. Auf diesem langen Weg nach Kalifornien und auch in Kalifornien verfolgt das Buch die Familie Joad.

Für mich war es ein schwieriges Buch. Es zog mich nicht in den Bann (weder positiv im Sinne von Begeisterung, noch negativ im Sinne von „es ist so beklemmend, ich muß es unbedingt weiterlesen“). Ich habe mich von Woche zu Woche mehr oder weniger durch die Kapitel gequält. Ja, es ist in mehrfacher Hinsicht ein sehr aktuelles und wichtiges Buch:
– die Frage, wie wir mit dem menschengemachten Klimawandel (z.B. mit Dürre) umgehen
– die Frage, wie wir mit flüchtenden Menschen umgehen. Interessanterweise hatten wir im Buchclub da zum Teil sehr unterschiedliche Assoziationen – während die meisten anderen im Buchclub an die Ankunft der Menschen aus zum Beispiel Syrien dachten, hatte ich tatsächlich an vielen Stellen beim Lesen die Ankunft von Menschen aus den „ehemals deutschen Gebieten“ nach dem zweiten Weltkrieg und auch aus der DDR „vor Augen“. Es war die Erinnerung an die vielen Berichte, die ich gehört und gelesen habe, dass auch diese flüchtenden Menschen im damaligen Westdeutschland oft nicht sehr willkommen waren, die im Moment des Lesens plötzlich sehr präsent waren.
– die Frage, wie wir mit Banken und großen Unternehmen (und deren Interessen, die humanitären Ansätzen oft anscheinend entgegenstehen) umgehen.

Zu einem großen Teil sind das Fragen, die in den letzten Wochen noch einmal viel aktueller geworden sind.

Wer sich für den Hintergrund interessiert:
– hier ein Link zu Fotos aus der damaligen Zeit
– hier ein Bericht über das Buch

So sehr ich also die wichtigen Themen sehe und auch durchaus darüber nachdenke, so wenig hat mich das konkrete Buch und die Sprache des Buches angesprochen. Ich und das Buch, wir sind uns fremd geblieben. Das ist vielleicht schade, aber es ist durchaus in Ordnung – ich muß nicht jedes Buch mögen!

R: „A contrary wind: a variation on Mansfield Park“ von Lona Manning

Nach dem Lesen von „Mansfield Park“ folgte dieses Buch von Lona Manning, das die Geschichte von Jane Austen ab dem 15. Kapitel (in dem das Theaterstück „Lover’s Vows“ gespielt werden soll) anders erzählt.

So schwer ich im Buch von Jane Austen die so wahnsinnig gute und geduldige, geradezu demütige Fanny Price „ertragen“ konnte, so wenig hat für mich die Fanny in diesem Buch gepaßt. Aber von Anfang an: die Idee, die Geschichte anders zu erzählen, fand und finde ich gut. In der Geschichte von Lona Manning hat Fanny einen Satz aufgeschnappt, der sie dazu bringt, eine Anstellung als Gouvernante zu suchen. Sie tritt in Kontakt mit der ehemaligen Lehrerin, die ihre beiden Cousinen und sie unterrichtet hat. Diese antwortet ihr auch und weist sie auf eine Stelle hin. An dem Morgen nach der Theaterprobe in Kapitel 15 verläßt Fanny Mansfield Park, um diese Stelle anzutreten. Sie weiß nicht, was sich in der Nacht im Haus getan hat. Für Edward und für Sir Betram hinterläßt sie einen Brief. Aber Mary Crawford (die falsche Schlange!) findet den Brief an Edward, nimmt ihn an sich und so findet Edward nur den sehr kurz gehaltenen Brief an seinen Vater.

Als Gouvernante für zwei kleine Kinder macht Fanny sich gut. Die Tante ihrer Arbeitgeberin hält große Stücke auf sie und bringt sie in Kontakt mit Menschen, die für die Abschaffung der Sklaverei kämpfen. Unterdessen suchen alle nach ihr…..

Manches an diesem Buch fand ich als Entwicklung gut. Was mich aber gestört hat: Fanny läßt sich an einer Stelle auf einen Betrug ein, um ihrem Bruder zu helfen. Das paßte für mich so gar nicht zum Charakter von Fanny und diese Entscheidung hat natürlich auch Konsequenzen für die weitere Entwicklung der Geschichte. Am Ende des Buches ist vieles nicht gut, wobei es wohl noch weitere Bücher gibt. Ob ich die lesen werde? Im Moment wohl eher nicht. Vielleicht irgendwann später.

R: „Mansfield Park“ von Jane Austen

Liebe oder Lieblingsverlag – das war die Februaraufgabe der Booklover-Challenge. Einen Lieblingsverlag habe ich nicht. Also blieb „nur noch“ das Thema Liebe und das ist für mich natürlich ein schwieriges Thema. Es war eher ein Zufall, das ich mich für das Buch von Jane Austen entschieden habe. Die Januaraufgabe der Challenge hatte nämlich etwas mit dem Thema „Gegenteil“ zu tun. Aus Neugier habe ich nach Büchern gesucht, die tatsächlich das Thema des Gegenteils aufgriffen. Dabei fand ich das Buch „A Contrary Wind“ von Lona Manning (dazu mehr in einem separaten Beitrag). Das Buch beginnt in Kapitel 15 von Mansfield Park und erzählt dann eine andere Geschichte. Also war klar, ich „muß“ zunächst Mansfield Park lesen, bevor es wirklich Sinn macht, das Buch von Lora Manning zu lesen. Gedacht, gelesen.

Ich hatte schon Bücher von Jane Austen gelesen, nur halt nicht Mansfield Park. Interessanterweise habe ich Mansfield Park anders wahrgenommen als zum Beispiel „Pride and Prejudice“. Gleichzeitig hat es mir Spaß gemacht, das Buch zu lesen – obwohl ich mit der Hauptperson Fanny Price immer ein bißchen gehadert habe.

Fanny Price ist die arme Nichte von Sir Thomas Bertram und Lady Bertram, eines der vielen Kinder der Schwester von Lady Bertram, die bei der Wahl ihres Ehemannes keine so gute Wahl getroffen hat (vor allem, was die finanziellen Mittel angeht). Die Familie von Sir Thomas wohnt auf Mansfield Park, dort in der Nähe wohnt auch die dritte Schwester von Lady Bertram, Tante Norris. Es ist diese Tante, die auf die Idee kommt, dass man (also die Bertrams!) doch ein Kind der Schwester aufnehmen könnte. Natürlich auch nur auf Kosten der Bertrams. Es reicht ja schließlich, dass sie diese gute Idee hatte. Fanny, die damals 10 oder 11 Jahre alt ist, wird ausgewählt. Sie kommt nach Mansfield Park und muß sich in einer neuen und schwierigen Situation zurechtfinden. Die beiden nur wenig älteren Cousinen mögen sie nicht, sie ist schließlich die arme und ungebildete Verwandte. Ihre Tante Norris mag sie auch nicht – sie quält sie geradezu. Der einzige aus der Familie, der eine Verbindung zu ihr aufbaut, ist ihr Cousin Edward (der noch einen älteren Bruder hat). Ich habe durch die Kapitel hindurch die unglaubliche Geduld, Ruhe und Güte von Fanny bewundert und gleichzeitig mit ihr gelitten.

Kapitel 15 führt dann zu einem Einschnitt. Sir Bertram ist schon seit langer Zeit verreist. Im Pfarrhaus sind zwei junge Leute – Mary und Henry Crawford – bei deren Schwester (der Frau des Pfarrers) zu Besuch. Edward hat zarte Gefühle für Mary. In dieser Situation schlägt jemand vor, ein Theaterstück zu spielen. Man diskutiert lange darüber, welches Theaterstück es werden soll. Letztlich wird es (auf Vorschlag eines weiteren Gastes) Lover’s Vows. Ich habe natürlich – weil ich schon ziemlich neugierig bin – das Stück gesucht und auch gelesen.

August von Kotzebue hat ein Theaterstück über ein uneheliches Kind und gebrochene Versprechen geschrieben. Irgendwie kam dieses Stück in die Hände von Elizabeth Inchbald, die daraus ein für englische Zuschauerinnen und Zuschauer passendes Theaterstück machte. Die eigentliche Geschichte blieb aber weitgehend erhalten (und ich finde, dass es sich lohnt das Stück zu lesen).

Das Proben des Theaterstücks führt dann zu interessanten Entwicklungen und Verwicklungen, die die Oberflächlichkeit und zum Teil auch Boshaftigkeit einiger der Charaktere sehr deutlich zeigen. Die „gezeigten“ Gefühle sind nicht immer wahrhaftig und echt, nicht alle der Beteiligten scheinen überhaupt ein Verständnis von „Liebe“ zu haben. Nicht einmal in der Familie selbst ist wirklich so etwas wie Liebe oder Nähe vorhanden. Vieles scheint eher Gewohnheit zu sein. Die Schilderung von Jane Austen legt das sehr deutlich offen. Aber: in der Fassung von Jane Austen wird dann tatsächlich am Ende (fast) alles gut. Ein schöner Klassiker, den ich gerne gelesen habe und der Fund und die Lektüre von „Lover’s Vows“ war tatsächlich bereichernd.

R: „Snow Crash“ von Neal Stephenson

Gestern am späten Abend habe ich das Buch „Snow Crash“ zuende gelesen, es war meine zweite Leseauswahl für die Booklover-Challenge. Die Aufgabe war: Am 25.02. ist der Tag des Gegenteils: Lies ein Buch, welches nicht aus Deinem Lieblingsgenre stammt. Tja, Lieblingsgenre. So etwas habe ich nicht wirklich. Aber es gibt zwei Arten von Büchern die ich selten bis gar nicht lese: Bücher mit dem Thema „Liebe“ (ja, ich weiß, die Februaraufgabe…) und alles, was irgendwie mit Science Fiction und/oder Fantasy zu tun hat. Vor ein paar Wochen brachte ein Tweet „Snow Crash“ in meine Timeline – sozusagen das Kult- und Basisbuch rund um „digitale Entwicklung“ und „Metaverse“ (ein Stichwort, das im Moment in meiner Twittertimeline öfter auftaucht). Also, wenn es denn sein muß…..

Snow Crash ist ein Science-Fiction-Roman von Neal Stephenson, der in den USA spielt. Die USA befinden sich zum Zeitpunkt der Handlung in einem staatlich nicht mehr „geregelten“ Zustand. Es gibt zwar (wie sich am Ende herausstellt) noch einen Präsidenten, aber die üblichen staatlichen Aufgaben werden nicht mehr wahrgenommen. Um die Sicherheit der Bürger kümmern sich „Organisationen“ – so gibt es privat abgesicherte Wohnviertel wie zum Beispiel Mr. Lee’s Greater Hong Kong aber auch das Einflußgebiet der Mafia unter „Onkel Enzo“, der gleichzeitig einen Pizza-Lieferdienst betreibt.

Hiro Protagonist (der passenderweise der Protagonist des Buches ist) ist Pizzauslieferfahrer (im Buch als „deliverator“ bezeichnet), Programmierer (im Buch werden alle Programmierer als Hacker bezeichnet) und (ziemlich erfolgloser) Musikmanager. Privat lebt er (zusammen mit einem Musiker) in einem Container bzw. Lagerraum. Seine Freizeit verbringt er virtuell im „Metaverse“, das er – zusammen mit seinen Freunden Da5id und Juanita – zum Teil mitgestaltet hat. Eines Abends soll er eine Pizza ausliefern (er ist verpflichtet, dies innerhalb von 30 Minuten zu tun, sonst gibt es „tödlichen“ Ärger mit seinem Chef Onkel Enzo) und scheitert unterwegs. Y.T., eine 15jährige Kurierfahrerin übernimmt die Lieferung. In der Folgezeit ereignen sich merkwürdige Dinge, wobei es mehrere unterschiedliche Ebenen in dem Roman gibt:

– die dystopische Realität, in der Hiro, Y.T. und die anderen leben (und die man durchaus als Gesellschafts- oder Kapitalismuskritik auffassen kann)
– der fließende Wechsel in das Metaverse (mit sprechenden Bibliothekaren und anderen coolen digitalen Möglichkeiten)
– die Ebene der Gegner: Amerikaner gegen Russen? Mafia gegen kirchliche Organisation? Wer eigentlich gegen wen?
– die Beschäftigung mit der Geschichte von Sumer, der Entstehung der Sprachen und (realen bzw. virtuellen) Viren

Die Ebene der dystopischen Realität wird im Verlauf des Romans mehr und mehr zu einer Realität der (aus meiner Sicht unnötigen) Gewalt. Die Kapitel, in denen dies im Vordergrund steht (zum Beispiel sehr viel rund um den Gegenspieler Raven und fast alles in Verbindung mit dem großen Floß) haben mich überhaupt nicht angesprochen. Interessant fand ich dagegen die Schilderung des Metaversums (und die leicht ironischen Gespräche mit dem virtuellen Bibliothekar, der immer wieder darauf verweist, dass er Anspielungen und Metaphern nicht verstehen kann) sowie die Einbeziehung der Geschichte von Sumer und der Theorien zu Babel und der Entwicklung von Sprache.
Das Thema „Gewalt“ steigerte sich um Ende hin immer mehr – das Ende selbst empfand ich dann als banal.

Es ist gut, dass ich das Buch gelesen habe. Aber: ich weiß jetzt auch (wieder) ziemlich gut, warum ich solche Bücher eher selten freiwillig auswähle……

Anmerkung zum R im Titel: Ich finde es vermessen, meine kurzen Beiträge als „Rezension“ zu bezeichnen. Sie sind es inhaltlich nicht, sprachlich sicher auch nicht. Um sie trotzdem schneller finden zu können, habe ich mich mit mir selbst auf das „R“ geeinigt.