Die dreizehnte Fee

Ihr kennt sie alle, die dreizehnte Fee. Sie ist die Fee (manchmal auch als „weise Frau“ bezeichnet), die im Märchen „Dornröschen“ nicht eingeladen wird. Ungeladen erscheint sie trotzdem zur Feier und spricht einen Fluch aus, der nur durch eine andere Fee abgemildert werden kann.

Ich habe nie verstanden, daß gerade „Dornröschen“ relativ häufig in der Advents- und Weihnachtszeit im Fernsehen gezeigt wird. Ja, es ist ein Märchen. Aber was bitte ist daran weihnachtlich, daß jemand – der noch nie etwas Böses getan hat – nicht eingeladen wird? Das jemand bewußt ausgeschlossen wird?

Warum mir das wichtig ist? Ich teile das Schicksal der „dreizehnten Fee“. Nein, ich bin noch nie irgendwo uneingeladen erschienen und ich habe auch noch nie irgendeinem Menschen etwas Böses gewünscht. Im Gegenteil. Aber ich bin die, die – von meinen Eltern abgesehen – nie jemand im Leben haben wollte, die fast nie eingeladen wurde, die nie bei Verabredungen unbedingt dabei sein sollte. Ich war den Menschen nie wichtig, es fiel nicht einmal auf, daß man vergessen hatte, mich zu informieren oder einzuladen (insoweit paßt auch Charles Perraults Fee in „Die schlafende Schöne im Wald“ – ein französischer Vorläufer von Dornröschen). Wenn ich mal dabei war, dann habe ich nicht gestört, aber es war (wenn es nicht um berufliche Dinge ging) nie wichtig, daß ich dabei war.
Wenn ich doch mal eingeladen wurde, dann enthielten die Einladungen oft Sätze wie „es hat jemand abgesagt, möchtest Du kommen?“ oder „ich feiere dieses Mal größer, möchtest Du kommen?“. Es macht sehr traurig, solche Sätze zu lesen – manchmal oft trauriger als gar nicht erst angesprochen oder eingeladen zu werden. Auch bei Verabredungsversuchen war es meistens nicht besser. „Sag Bescheid, wenn Du mal wieder in X bist….“ war fast immer nur eine Floskel. Solche Nachrichten wurden entweder gar nicht beantwortet oder der „Zusage“ folgte fast immer (manchmal schon am Tag nach der Zusage) eine Absage. Auch „sag mal wann Du Zeit hast“ lief ähnlich. Ich nannte „Termine“, die genannten Termine verstrichen kommentarlos und irgendwann kam dann die Bitte um neue Termine. Ähm ja, also nein.
Besonders schlimm wurde es meistens, wenn Menschen betonten, wie sehr sie mich mögen oder wie interessant sie mich finden. Das war sozusagen der große Anlauf, damit die Verletzung „nein, Dich möchte ich nicht in meinem Leben haben“ so richtig saß. Es führte dazu, daß ich Menschen nicht mehr glauben kann, die mich angeblich „mögen“ oder „interessant finden“.
Ich könnte noch viel erzählen, aber das Wesentliche ist, daß ich für die Menschen, die ich gemocht habe, einfach nicht in ihr Leben gehört habe.

Die dreizehnte Fee hat sich entschieden zu handeln – böse zu handeln. Das war und wäre nie meine Entscheidung. Meine Entscheidung war lange, es immer wieder zu versuchen. Schließlich hat ja jeder Mensch eine Chance verdient und vielleicht irgendwann ….. Aber es wurde nie anders, nie besser. Im Gegenteil. Seit Anfang 2018 ist es so viel schlimmer geworden, daß ich es einfach nicht mehr versuchen kann. Jeder einzelne Versuch war so sinnlos wie Don Quixotes Kampf gegen die Windmühlenflügel (ich mag die Geschichten mit Don Quixote sehr – aber es ist schöner sie zu lesen als sie – im übertragenen Sinne – selbst zu erleben).

Der Pipapoet hat gestern einen sehr schönen Tweet geschrieben: „Eigentlich wünschen wir uns doch alle, von denen, die wir mögen, genauso gemocht zu werden.“
Ja, genau das hätte ich mir gewünscht – aber es sollte halt nie sein. Mittlerweile haben die Verletzungen und Ablehnungen so viele Wunden hinterlassen, daß ich diesen Wunsch nicht mehr habe. Meine Entscheidung ist Rückzug – das beinhaltet auch den fast vollständigen Verzicht auf Treffen/Verabredungen mit Menschen und auf Einladungen. Durch diesen Rückzug habe ich mein Gleichgewicht wiedergewonnen. Keine Begegnungen mit Menschen heißt halt auch keine weiteren Abweisungen und Verletzungen. Ich kann zu den Menschen, die mir flüchtig begegnen, freundlich sein. Ich kann mit ihnen scherzen und lachen, sie trösten und ihnen zuhören. Aber ich kann nicht mehr darüber nachdenken, ob sie einen Platz in meinem Leben haben könnten, denn das wäre nie „gegenseitig“. Denn für die Menschen bin ich die dreizehnte Fee!

Übrigens: weiß jemand, was im Märchen aus der dreizehnten Fee geworden ist?

Persönliche Rituale …..

Bald sind es zwei Jahre – zwei Jahre, daß ich meine Mutter ins Hospiz begleitet und sie sich von mir verabschiedet hat. Sie wollte nicht, daß ich weine und sie wollte auch nicht, daß ich sie auf dem Friedhof „suche“ oder besuche. So habe ich mein eigenes Ritual entwickelt – immer am 1. Dezember unternehme ich etwas besonders Schönes – einen Ausflug, eine Reise, etwas das ich gerne auch mir ihr zusammen unternommen hätte. Letztes Jahr bin ich bewußt in dieser Woche weggefahren. Ich war in Österreich und habe Wien, Salzburg und Innsbruck besucht. Genau vor einem Jahr stand ich schluchzend in der „Stille-Nacht-Ausstellung“ in Salzburg – meine Mutter hat Weihnachtslieder geliebt und „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ waren ihre Lieblingslieder. Als ich gerade darüber nachgedacht habe ist mir aufgefallen, daß ich – im Gegensatz zu den meisten Menschen – nicht die „schönen“ Dinge feiere, sondern die Abschiede und die Erinnerungen. Meine persönlichen Rituale haben sich verändert. Interessanterweise ist für mich dieser 1. Dezember wichtiger als der eigentliche Todestag (der 5. Dezember) oder der Beerdigungstag (der 13. Dezember). Es war dieser bewußte und auch sehr schöne persönliche Abschied, der mich dazu veranlaßt, etwas Schönes zu unternehmen und mich ganz bewußt zu erinnern.

Früher waren der 4. und der 6. Dezember wichtig – der Barbaratag und der Nikolaustag. Ich weiß noch nicht, ob ich dieses Jahr Kirschzweige besorgen werde – aber selbst wenn, es wird eine Geste ohne Bedeutung sein, rein zum Ausschmücken der Räume. Der 6. Dezember ist bedeutungslos geworden – da, wo es keine Menschen im Leben gibt, da gibt es auch niemanden, den man überraschen könnte (ich habe das früher immer sehr gerne gemacht). Lediglich mit Adventspost kann ich den einen oder anderen Menschen überraschen (wobei ich dieses Jahr ein bißchen spät dran bin).

Ein paar Jahre lang habe ich auch jedes Jahr hier im Blog einen kleinen „Adventskalender“ geführt – täglich einen Beitrag zu einem Oberthema. Es war aber mehr eine – mit viel Arbeit verbundene – persönliche Herausforderung als ein (positives) Ritual, daher verzichte ich in diesem Jahr auf eine neue Runde.

Die Weihnachtstage (die ich selbstverständlich allein verbringe) sind für mich eine Zeit der schönen Erinnerungen – mit viel Zeit für klassische Musik, schöne Bücher und gutes Essen. Ähnlich ist es mit dem Jahreswechsel und mit den Osterfeiertagen – auch das eine Zeit für mich alleine mit klassischer Musik, Büchern und gutem Essen.

Am 9. April feiere ich den Geburtstag meiner Mutter – das ist für mich ein Ausflugstag. 2018 bin ich an der Ruhr gewandert, 2019 bin ich von Düsseldorf nach Kaiserswerth gelaufen – etwas Ähnliches hätte ich auch mit meiner Mutter unternommen. Natürlich mit Einkehr in einem schönen Restaurant und Café.

Neu aufnehmen in die Liste dieser Tage werde ich den 23.06. Es ist der Tag an dem ich 2018 erfahren mußte, daß ich nie eine Liebesbeziehung in meinem Leben erleben werde. Ein weiterer Tag des Abschieds und der (hier allerdings traurigen) Erinnerungen. Ich habe dieses Jahr nichts besonderes an diesem Tag unternommen und das war ein Fehler. Es war nicht gut, diesen Tag zu übergehen – er hat sich auch so deutlich bemerkbar gemacht. Das werde ich nächstes Jahr anders machen – auch wenn ich noch nicht weiß, was ich konkret unternehmen werde. Aber ich werde sicherlich rechtzeitig eine Idee haben.

Ansonsten? Fast nichts. Meinen eigenen Geburtstag feiere ich natürlich mit mir selbst (meistens ebenfalls mit einem Ausflug) – aber niemand muß dieses Datum erfahren, es ist nur für mich wichtig (lustigerweise haben fast alle Menschen, die jemals das Datum erfahren haben, es sofort wieder vergessen). Andere Feiern gibt es nicht, denn da ist ja niemand. Ich führe ein Leben komplett ohne Familienfeiern, fast ganz ohne Geburtstage oder andere Feiern von Menschen. Ja, das ist eine merkwürdige Entwicklung und manchmal bin ich darüber auch einen Moment traurig, schließlich haben gemeinsame Feiern auch etwas Verbindendes. Aber die Zeit, in der eine andere Entwicklung möglich war, ist unwiderbringlich vorbei. So feiere ich denn meine besonderen Tage und schaffe mir selbst schöne Erinnerungen, die die Erinnerungen an die konkreten Tag ergänzen. Ein schönes Ritual, oder?

Gedanken zur Adventszeit ….

Eigentlich beginnt die Adventszeit erst am Wochenende. Aber für mich persönlich hat die Adventszeit heute begonnen. Es ist die Zeit in der ich mich langsam auf die Adventssonntage und die Weihnachtszeit vorbereite, den Zauber der Zeit genieße. Schon gestern habe ich in Düsseldorf die (noch geschlossenen) Buden auf dem Weihnachtsmarkt aus der Ferne gesehen und mich darauf gefreut, in den nächsten Tagen und Wochen den einen oder anderen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Es sind viele kleine Dinge, die für mich das Besondere dieser Zeit ausmachen und über die ich mich jedes Jahr wieder freue:

– kalte sonnige Tage und sternenklare Nächte
– Schneeflocken
– Spaziergänge in der Kälte
– warme Räume, heißen Tee und weihnachtliches Gebäck
– das Schimmern der Lichter in vielen Fenstern
– das Schreiben der Adventspost
– den Duft der Tannenzweige
– den Adventskranz
– malerische Weihnachtsmärkte
– guten Glühwein
– weihnachtsliche Musik (ich liebe ja besonders den Nussknacker von Tschaikowsky)
– die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens
– viel Zeit zum Lesen und zum Nachdenken zu haben

Es ist eine Zeit, die ich sehr genieße – auch wenn sich die Art und Weise, wie ich die Adventszeit verbringe, in den letzten Jahren sehr verändert hat. Es ist für mich eine sehr ruhige und nachdenkliche Zeit geworden. Nicht traurig, nein, das nicht. Aber doch voller Erinnerungen – Erinnerungen an vergangene Zeiten – ein bißchen so wie das, was Ebenezer Scrooge mit dem Geist der vergangenen Weihnachten erlebt. Aber vergangen ist vergangen und jedes Jahr schreibt seine eigenen Geschichten. Dieses Jahr waren es ruhige Geschichten und das war gut so. So werde ich ruhig in meine Adventszeit starten, genießen, lesen und den einen oder anderen Weihnachtsmarkt besuchen. Was ich nicht tun werde – schreiben. Ich habe mehrere Jahre lang für mich selbst immer wieder eine Art „Adventskalender“ geführt. Es gab „hier“ an jedem der 24 Dezembertage bis Weihnachten einen Eintrag – jedes Jahr zu einem anderen Thema. Es war aus vielen unterschiedlichen Gründen richtig und wichtig, dies zu tun. Aber es war immer nur für mich wichtig und das ist es nicht mehr. Ich werde daher dieses Jahr ganz bewußt darauf verzichten. Es wird anders sein als vor 2017, anders als 2017 und wieder anders als 2018. Und ja, das ist gut so.

Den eigentlichen „Geist“ dieser Zeit habe ich vor kurzem in einer Geschichte von Frances Hodgson Burnett gefunden, dem Büchlein „A little Princess“. Sara Crewe, die Hauptperson dieser Geschichte wird zum Waisenkind und muß in dem Internat, in dem sie vorher als wohlhabende Schülerin gelebt hat, ein trauriges und armes Leben in Kälte und Hunger ertragen. Aber was man ihr nicht nehmen kann ist die Fähigkeit, anderen Menschen wunderbare Geschichten zu erzählen und ihnen und auch sich selbst schöne Gedanken und Vorstellungen zu schenken. Eine wunderbare Fähigkeit, die wir alle im Alltag viel zu selten nutzen und erleben.
Und da wir uns vermutlich nur selten lesen werden möchte ich Euch auf diesem Wege eine schöne Adventszeit wünschen. Genießt die Zeit und laßt Euch vom Zauber dieser Zeit überraschen!

Schneeflocken als Zeichen …..

Dieser Tweet mit der Frage, ob gerade Verstorbene uns ein Zeichen geben können, hat mich gerade an die Zeit vor zwei Jahren erinnert und deswegen möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Für mich ist es auch eine Antwort auf die Frage!

Meine Mutter hat Schnee immer sehr geliebt – auch das Schneeschippen. Im November 2017 hat sie sogar noch davon gesprochen, daß sie gerne noch einmal Schnee schippen würde. Es sollte nicht sein. Bis zum 1. Dezember war es kühl, aber es zeigte sich keine einzige Schneeflocke. Erst am ersten Advent (am 3. Dezember) schneite es ein bißchen. Ich stand am Fenster ihres Hospizzimmers und habe ihr davon erzählt, es war in dem Moment aber nicht mehr wichtig. Der Schnee schmolz wieder weg und am 5. Dezember starb meine Mutter. Es folgten die üblichen Aufgaben – Gespräch mit dem Bestattungsunternehmen, Gestaltung und Text für die Karte, Gespräch mit dem Pfarrer. Schon während dieses Gesprächs passierte etwas Merkwürdiges, das ich mir bis heute nicht erklären kann. Es klingelte, jemand von Amazon drücke mir einen Umschlag in die Hand und in dem Umschlag war ein Buch, das ich nie bestellt hatte. Es war der Bericht eines Menschen, der Sterbende in einem Hospiz begleitete. Ich weiß bis heute nicht, warum oder von wem ich dieses Buch erhalten habe. Nach dem Gespräch mit dem Pfarrer fing ich an, die Briefumschläge zu adressieren. Als ich am Freitagmorgen aufwachte schneite es. Ich freute mich, denn – wie meine Mutter – mochte ich Schnee immer sehr gerne. Vor allem freute ich mich, weil ich an dem Wochenende einen Weihnachtsmarkt besuchen wollte – ich fand, das ich mir das verdient hatte. Tja…..
Der Schneefall wurde stärker und stärker. Viele Jahre hatte es nicht so viel geschneit. Es fuhren keine Busse mehr, selbst Autos konnten unsere Siedlung kaum verlassen, mit Mühe und Not habe ich im Supermarkt noch eine Tageszeitung mit der Todesanzeige ergattert. Es schneite fast ununterbrochen bis Sonntag. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Schnee geschippt, so viel an meine Mutter gedacht und mir vorgestellt, daß sie jetzt gerade – als ersten Job im Himmel – das Ausschütteln der Betten übernommen hat. Ja, und wenn sie eine Aufgabe übernimmt, dann macht sie das richtig. So richtig richtig …..

Am Montag schneite es nicht mehr und es wurde ein bißchen wärmer, der Schnee taute langsam. Es sah wieder ziemlich normal aus, auch der Dienstag war (bis auf ein paar Schneereste) ziemlich normal. Am Mittwoch war die Beerdigung. Es war trocken und sogar sonnig. Ich habe am Morgen noch den Himmel fotografiert. Als wir aus der Kapelle herauskamen rieselten ein paar Schneeflocken vom Himmel – das war für mich ein schönes Zeichen, sozusagen der letzte Gruß meiner Mutter und ich habe dem Pfarrer noch kurz auf dem Weg zum Grab erzählt, wie sehr sie sich über diese Schneeflocken freuen würde. Nach der Beerdigung schneite es nicht mehr. Aber Schneeflocken haben seitdem – noch viel mehr als vorher – etwas Schönes und Tröstendes für mich.
Gibt es Zeichen? Für mich ja. Sie wollte nicht, daß ich an dem Wochenende zum Weihnachtsmarkt gehe und ich habe das verstanden. Und sie wollte mich trösten und mir etwas Schönes zeigen, als ich auf dem Weg zum Grab war. Für mich sind das Zeichen – kleine wunderbare schneeweiße Zeichen.

Von Außenseitern, Einzelgängern und Einsamkeit

Manchmal kommt man nach einer langen Zeit und ganz ohne entsprechenden Wunsch wieder an einem Ausgangspunkt an, den man lange verlassen glaubte. Bei mir sind das Themen die damit zu tun haben, daß ich Außenseiterin, Einzelgängerin und seit nunmehr zwei Jahren in meinem Privatleben auch komplett einsam bin. Ich hatte gedacht,daß ich diese Zeiten hinter mir gelassen habe, ich habe hart an mir gearbeitet und viel versucht – nur um doch wieder da zu „landen“, wo ich nicht sein wollte. Ein deutlicher Wink des Schicksals.

Ich habe Anfang letzten Jahres mal einen Beitrag zur Abgrenzung von „allein“ und „einsam“ geschrieben. Das war zu einer Zeit als ich noch „hoffte“, daß alles irgendwie gut wird. Da ahnte ich noch nicht, was das Jahr 2018 an schwierigen Situationen und Verletzungen mit sich bringen würde. Es kam alles auf einmal und es war alles zu viel. Hoffnung und Vertrauen in Begriffe wie „Freundschaft“, „mögen“, „Verwandtschaft“ oder gar „Liebe“ sind im Laufe der Zeit völlig auf der Strecke geblieben. Jeder Gedanke im Sinne von „ich könnte doch“ löst sofort einen viel stärkeren Gedanken „Du weißt, was beim letzten Versuch passiert ist“ aus. Das heißt nicht, daß ich traurig zuhause sitze. Im Gegenteil. Ich habe in den letzten knapp zwei Jahren viele Theateraufführungen und einige Konzerte, Ausstellungen und Museumsnächte sowohl in der Umgebung als auch in anderen Städten besucht. Aber natürlich verbringe ich – immer noch – relativ viel Zeit mit Lesen und gestern wurde mir deutlich bewußt, daß die meisten Bücher relativ wenig mit meiner Lebensrealität zu tun haben.

Ich hatte es schon im Sommer beim Lesen von „Gamify“ von Jane McGonigal gemerkt – der Gedanke, daß man seine Angehörigen und Freunde zu Verbündeten machen sollte, paßte für mich gar nicht. Und gestern, als ich „Verbrechen und Strafe“ von Dostojewski begann, fiel mir auf, daß ich sehr wenig Bücher kenne, die meine Lebenssituation tatsächlich irgendwie abbilden oder betreffen. Die handelnden Personen haben in der Regel Freunde oder Angehörige, mit denen sie regelmäßig sprechen und die sich für sie und ihre Anliegen interessieren. Ja, nett und ich werde auch weiter solche Bücher lesen. Aber ich möchte auch Bücher lesen, die tatsächlich etwas mit meinem Leben und meiner Situation zu tun haben. Schließlich habe ich immer in meinem Leben „meine“ Themen lesend „bearbeitet“. Aber wie sollte ich solche Bücher finden?

In der Situation habe ich in einem Tweet die folgende Frage gestellt:
Welche Bücher/Theaterstücke fallen Euch ein, in denen es um Einzelgänger/-innen, Außenseiter/-innen und/oder Einsamkeit geht?
Schon jetzt habe ich viele spannende Antworten erhalten. Diese Vorschläge möchte ich hier auflisten – auch damit ich sie problemlos wiederfinde, denn ich werde die vorgeschlagenen Bücher natürlich erst nach und nach lesen. Weitere Vorschläge oder Funde werde ich hier ergänzen, vielleicht sucht ja irgendwann auch mal ein anderer Mensch nach diesem Thema.

– Fjodor Dostojewskij: Verbrechen und Strafe
– J. D. Salinger: Catcher in the Rye
– Alan Sillitoe: The Loneliness of the Long-distance Runner.
– Henrik Ibsen: Der Volksfeind, Hedda Gabler
– David Bowie und Enda Walsh: Lazarus
– Jiro Taniguchi (z.B. „Der spazierende Mann„)
– Wolfgang Borchert: Draußen vor Der Tür
– Marlen Haushofer: Die Wand (das habe ich sogar vor längerer Zeit gelesen, damals waren meine Lebensumstände allerdings noch anders)
– Daniel Defoe: Robinson Crusoe
– Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens (Dans les forêts de Sibérie)
– Hermann Hesse: Steppenwolf, Narziß und Goldmund
– Gail Honeyman: Ich, Eleanor Oliphant
– Adalbert Stifter: u.a. Studien, Brigitta
– Henry James: Portrait of a Lady
– Emily Dickinson: Gedichte
– Herman Melville: Bartleby the Scrivener
– Neil Gaiman: The Graveyard Book
– Wolfgang Hilbig: u.a. Eine Übertragung, Ich, Das Provisorium
– Thomas Mann: Tod in Venedig, Tonio Kröger
– Richard Matheson: I Am Legend
– nach Leo Tolstoi: Ein großer Tag für Vater Martin
– Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal
– Albert Camus: L’Etranger (hatte ich vor kurzem sogar gelesen), La Mort heureuse (Der glückliche Tod)
– Gerhart Hauptmann: Einsame Menschen
– August Strindberg: Ein Traumspiel
– Ludwig Tieck: Waldeinsamkeit
– Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
– Franz Kafka: u. a. Die Verwandlung
– Samuel Beckett: Warten auf Godot
– Georg Trakl: Gedichte
– Kurt Vonnegut: Breakfast for Champions
– Robert Schneider: Schlafes Bruder
– Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
– Cathy Bramley: Ivy Lane
– Simone Buchholz (Krimis)
– Munro Leaf: Ferdinand der Stier (The Story of Ferdinand)
– Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicissimus
– Erich Kästner: Fabian
– Francesco Petrarca: Das einsame Leben
– Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas (Anfang Juli noch die Aufführung in Düsseldorf gesehen)
– Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte
– Moliere: Der Menschenfeind
– Horaz
– Vergil
– Seneca
– Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht
– Philip Roth: Der menschliche Makel (The Human Stain)
– John Irving: Owen Meany (A prayer for Owen Meany)
– Richard Bach: Die Möwe Jonathan
– Fynn: Hallo Mister Gott, hier spricht Anna
– Johann Georg Zimmermann: Über die Einsamkeit
– Wolfgang Herrndorf: Tschick
– Henry David Thoreau: Walden
– Arto Paasilinna: Das Jahr des Hasen
– Anthony Storr: Solitude: A Return to the Self
– Olivia Laing: The lonely city: Adventures in the Art of being alone
– Barbara Kingsolver: Prodigal Summer (Im Land der Schmetterlinge)
– W. G. Sebald: Austerlitz
– Günter Grass: Die Blechtrommel
– Wally Lamb: Die Musik der Wale
– Joyce Carol Oates: Big Mouth and Ugly Girl
– Stanislaw Lem: u. a. Solaris, Der Unbesiegbare
– Patrick Süskind: Das Parfum, Der Kontrabaß
– Benedict Wells: Spinner
– Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis
– Thomas Raab: Still – Chronik eines Mörders
– Stehen Chbosky: Das also ist mein Leben
– Susan E. Hinton: Die Outsider
– Milena Michiko Flasar: Ich nannte ihn Krawatte
– Andy Weir: Der Marsianer
– Thornton Wilder: Unsere kleine Stadt

Über Einsamkeit:
– NZZ Geschichte Nr. 17
https://shop.nzz.ch/magazine/nzz-geschichte/6703/nzz-geschichte-nr.-17

Danke für die vielen interessanten Vorschläge und Hinweise. Mal sehen, womit ich anfangen werde (ein paar Bücher/Stücke müßte ich sogar im Haus haben), vielleicht werde ich mir auch etwas davon für die Feiertage besorgen. Über weitere Hinweise freue ich mich natürlich!

Juli 2018: Cyrano im Heckentheater und Störtebeker in Ralswiek

„Cyrano de Bergerac“ von Poetenpack im Heckentheater in Potsdam
Mitte Juli wollte ich – nach einigen sehr traurigen und schwierigen Tagen – ein paar Tage nach Stralsund fahren. Die meisten Bahnverbindungen liefen über Berlin und so bot sich ein weiterer Theaterbesuch an. Zu meiner großen Freude entdeckte ich, daß „Poetenpack“ das Stück „Cyrano de Bergerac“ im Heckentheater in Potsdam spielten – natürlich habe ich (nach einem kurzen Blick auf die Wetterprognose) sofort eine Karte gebucht. Das Heckentheater im Schloßpark Sanssouci ist ein wunderbarer Ort – vor allem an einem lauen Sommerabend. Nur die Mücken haben mir ein bißchen zu schaffen gemacht. Und „Cyrano de Bergerac“ war – wie erwartet – ganz wunderbar!

„Der Ruf der Freiheit“ – die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek
Weiter ging meine Reise nach Stralsund. Und von Stralsund ist es nicht weit nach Rügen und damit nach Ralswiek zu den Störtebeker-Festspielen. In diesem Jahr war das Thema „Der Ruf der Freiheit„. Das Livespektakel mit vielen Mitspielern, Pferden und so weiter war vor dem Hintergrund der Naturbühne im Großen Jasmunder Bodden schon recht eindrucksvoll, am besten hat mir allerdings das Abschlußfeuerwerk gefallen.

Juni 2018: Shakespeare in Neuss, Istanbul in Bochum….

Im Juni 2018 war ich dann öfter unterwegs……

Beim Shakespeare-Festival in Neuss
2018 war ich mal wieder viel zu spät dran, um mir Karten für das Shakespeare-Festival in Neuss zu besorgen. Mit Glück habe ich dann noch zwei Aufführungen besuchen können: die englischsprachige Aufführung von „King Henry V“ und die grandiose Vorstellung „Nimm mich hin. Dein Will“ von Petra Janina Schulz und Mellow Melange. Ich war bei diesem Programm erst skeptisch, aber ich hatte nicht mehr viel Auswahl und es war ein echter Glückstreffer. Einen richtig guten und ausführlichen Eindruck bekommt man bei diesem Video, aber live ist es noch viel viel besser!!
Wer Shakespeare mag, sollte sich jedenfalls die Aufführungen in Neuss anschauen!

„Istanbul“ in Bochum
Es war eine Empfehlung aus einem beiläufigen Gespräch über interkulturelle Themen auf der republica im Mai. Es klang interessant, also habe ich mir eine Karte besorgt. Es war persönlich kein guter Tag. Als ich im Foyer stand erlebte ich einen kalten Schlag. Ich wußte sofort, daß irgendetwas Schlimmes mit Auswirkungen auf mich passiert war, ich wußte nur nicht was, das habe ich dann am nächsten Tag erfahren. So konnte ich mich allerdings kaum auf die Vorstellung freuen. Zu meiner zusätzlichen Irritation saß ich auf der Bühne an einem Tisch und schaute dann auch noch ins Publikum…..
Stellt Euch für einen Moment vor, wir Deutschen wären als Gastarbeiter in die Türkei gegangen, wir hätten uns dort eingewohnen müssen und manche von uns wären auch dort geblieben. Das ist die Geschichte von „Istanbul“ einem sehr interessanten und faszinierenden Stück, das ich am 22.06. in Bochum gesehen habe. Einen ganz kleinen Eindruck gibt dieses Video hier (man sieht auch die Tische auf der Bühne, an denen einige der Theaterbesuchen sitzen „dürfen“). Gerade die völlig andere Perspektive auf die Geschichte war wirklich genial!

„Die Mitschuldigen“ im Monbijou-Theater in Berlin
Wenn ich es im Sommer nach Berlin schaffe und das Wetter mitspielt, dann gehe ich sehr gerne in das Monbijou-Theater gegenüber von der Museumsinsel. Ich liebe die Atmosphäre dort, den ironischen Umgang mit den Klassikern und auch das Theater. Dieses Jahr habe ich am 29.06. „Die Mitschuldigen“ von Goethe gesehen. Ich muß zugeben, daß ich das Stück erst am Nachmittag vor der Aufführung gelesen habe. Glücklicherweise war das Stück ziemlich kurz und ich war recht gespannt, wie man aus einem solch kurzen Stück, ein „abendfüllendes“ Programm machen kann. Man kann, sogar sehr gut – aber mehr möchte ich nicht verraten. Berlinbewohnern und Berlinbesuchern kann ich einen Besuch des Monbijou-Theaters aber nur ans Herz legen!
Leider gibt es dieses Theater 2019 nicht – zumindest nicht so wie bisher …..

Mai 2018: das 24h-Theater in Berlin

Das 24h-Theater in der Berliner Brotfabrik war für mich das Theater-Highlight im Mai 2018.

Anfang Mai 2018 war ich zur republica in Berlin – ein guter Zeitpunkt, um auch nach interessanten Theatervorstellungen zu schauen. Das 24h-Theater war ein Zufallsfund. Ich konnte mir nicht so richtig viel darunter vorstellen – vielleicht habe ich mir deshalb eine Karte dafür besorgt.

Am Freitagabend ging es los. Acht Schauspielerinnen/Schauspieler, vier Autorinnen/Autoren und vier Regisseurinnen/Regisseure wurden nach kurzen Vorstellungen einander „zugeordnet“ oder eher „zugelost“. Am Ende des Abends wurde ein Thema verkündet. Über Nacht mußten die Autorinnen und Autoren dazu ein Stück schreiben. Diese Stücke wurden am Samstagmorgen in einer Lesung von den Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen mit den Regisseurinnen und Regisseuren vorgestellt – vorher waren die Texte selbst ihnen noch unbekannt. Für alle (also auch für die Besucher) gab es zu diesem Zeitpunkt Kaffee und ein kleines Frühstück. Dann hatten die Teams bis zum Abend Zeit, um den Text in ein „fertiges“ Stück auf der Bühne umzusetzen. Es war spannend, die nackten Texte am Morgen zu erleben. Manche Texte fand ich sofort großartig, manche weniger ….. Am Abend war jede Vorstellung ein Genuß – völlig anders als die Lesung am Morgen. Spannend, was eine gute Regie auch aus einem (für mich) sperrigen Text machen kann….

Wer also etwas wirklich Spannendes erleben möchte, das nur ein einziges Mal so aufgeführt wird, sollte unbedingt zum 24h-Theater gehen!
Leider scheint es im Moment keine neuen Termine zu geben – das ist schade, denn das Format fand ich wirklich toll, einfach weil es so vielseitig und überraschend war!

Theater …..

Wer meine Tweets über einen längeren Zeitraum verfolgt hat, weiß, daß ich gerne ins Theater gehe – in den letzten 12 Monaten war ich dort besonders oft. Was liegt also näher, als hier eine Kategorie „Theater“ einzurichten. Nach langem Nachdenken habe ich mich entschieden, meine „Theaterereignisse“ jeweils nach Kalenderjahren festzuhalten. Der Gedanke der Spielzeit paßt für mich nicht.

Das Leben als Bühne?
„All the world’s a stage, and all the men and women merely players“ hat schon Shakespeare geschrieben (übrigens ein wunderbarer Text!). „And one man in his time plays many parts“ geht es im Monolog aus „As you like it“ weiter – ein Text der zeitlos passend und richtig ist. Dahrendorf hat das in seinem Buch „Homo Oeconomicus“ im Hinblick auf soziale Rollen untersucht und festgehalten, Erving Goffmann hat zu diesem Thema das Buch „Wir alle spielen Theater“ geschrieben – auf der Rückseite meiner Ausgabe steht sehr treffend „Wie die menschliche Komödie gespielt wird“.

Es ist ein Teil der menschlichen Probleme und Herausforderungen, daß wir in unserem Leben in unterschiedlichen Rollen auftreten, an die wir selbst und auch andere jeweils Erwartungen knüpfen. Das ist dort noch ziemlich einfach, wo wir einem Menschen (fast) immer nur in derselben Rolle gegenübertreten. Schwierig wird es dann, wenn wir „unterwegs“ die Rolle wechseln – zum Beispiel wechseln müssen, weil sich etwas verändert hat. Das wäre dann der Zeitpunkt, um über Erwartungen – eigene aber auch „fremde“ – an diese neue/geänderte Rolle zu sprechen. Leider passiert das nur selten – zumindest isst das meine Erfahrung.

„Ich bin immer noch derselbe“ schrieb mir jemand vor einem Jahr. Ja, das mag sein – aber er hatte mir gegenüber seine Rolle und damit sein Verhalten geändert, seine Erwartungen an sich selbst und (unkommuniziert) an mich waren damit ebenfalls verändert. Erwartungen kann man aber nur „erfüllen“ oder „hinterfragen“, wenn man sie kennt.

Was hat das mit den Theaterbesuchen zu tun?
Viel und gleichzeitig wenig.
Ich habe im letzten Jahr in vielen Vorstellungen gesessen und oft gedacht „der Autor hat das Stück nur für mich geschrieben“. Ja, falscher Gedanke. Aber dieser Moment, sich selbst und seine Situation zu erkennen, war wertvoll. Es hat mich nachdenklich gemacht, hat mich über meine Rollen und meine Erwartungen nachdenken lassen und hat mir viele Einblicke ermöglicht.

Vieles hat mich „nur“ persönlich bewegt, vieles war aber auch gesellschaftlich relevant. So haben mir die Theaterbesuche zum einen – und das war extrem wichtig – Lebensfreude geschenkt, aber auch Nachdenkmaterial über meine persönliche Situation und die gesellschaftliche Situation.
Es ist an der Zeit, ein paar dieser Gedanken zu teilen, daher habe ich nun diese neue Kategorie eingerichtet.

Impressionen aus Basel

Die Museumsnacht am 18.01.2019 hat mich zu einem kurzen „Ausflug“ nach Basel gelockt – eine Stadt, in der ich vorher noch nie war und über die ich bis zu meiner Kurzreise auch herzlich wenig wußte. Ich möchte daher meine Eindrücke von diesem kurzen Besuch hier zusammenfassen:

* Basel hat mir sehr gut gefallen. Bei kaltem sonnigen Winterwetter bin ich vom Schweizer Bahnhof (es gibt auch noch einen badischen und einen französischen Bahnhof ….) zu meinem Hotel in Klein-Basel gelaufen. Es war ein schöner Spaziergang durch einen kleinen Teil der Innenstadt, vorbei an den Museen, die ich später noch näher erleben sollte.
* Meine Übernachtung enthielt die Basel Card. Damit konnte ich an den beiden Tagen kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und auch Museumseintritt und Führungen waren günstiger.
* Zunächst bin ich an der sonnigen Rheinseite von Klein-Basel von der Wettsteinbrücke zur Mittleren Brücke gelaufen und von dort in die Innenstadt spaziert. So kommt man unweigerlich am wunderschönen roten Rathaus vorbei.
* Das Ticket (eigentlich das „Bändchen“) für die Museumsnacht hatte ich mir schon beim Tourismusbüro am Bahnhof besorgt. Daher habe ich bei einer kulinarischen Pause im Café Huegenin erst einmal „geplant“, was ich mir gerne anschauen wollte. Ein ziemlich strammes Programm, von dem ich letztendlich nur einen kleinen Teil „umgesetzt“ habe.
* Ich bin dann erst einmal durch die kleinen Gassen der Altstadt geirrt und irgendwann bei einer Buchhandlung „gelandet“. Dort habe ich entdeckt, daß es einige spannende Verlage und Autoren in der Schweiz gibt, die mir so gar nicht bekannt waren. Schwach geworden bin ich bei „Claude Cueni – Warten auf Hergé“ (ja, warten auf Godot war gestern, jetzt wartet man auf Hergé!) und „Urs Zürcher – Alberts Verlust“ (ein sehr spannendes und gut geschriebenes Buch, ich konnte es heute Morgen kaum aus der Hand legen ….).
* Meine Museumsnacht begann im Antikenmuseum und zwar mit dem Vortrag von Tomas Lochman „Zensur vs künstlerische Freiheit. Nackheit im Museum“. Ein tolles Thema und ein guter Vortrag – ich wußte vorher relativ wenig über die Geschichte der Nacktheit (Praxiteles ist schuld und die Geschichte von der Aphrodite von Knidos ist wirklich schön!). Die Auseinandersetzung mit dem Thema „me too“ und der Ausstellung „nackt! Die Kunst der Blöße“ fand ich gelungen, auch die Ausstellung selbst war sehenswert. Besonders genial fand ich das Video zum Thema Nacktheit und Social Media……
Ein Thema, zu dem ich gerne auch noch etwas ausführlich etwas schreiben möchte, wenn ich denn die Zeit dazu finde …..
* Ich bin dann ein bißchen durch die Stadt geschlendert, habe mir das konkrete Programm im Münster besorgt (dort spielte das Sinfonieorchester Basel mit einem wunderbaren Programm immer zur vollen Stunde, zur halben Stunde gab es Führungen) und habe „hier und dort“ einen kurzen Blick reingeworfen.
* Etwas später habe ich mir in Klein-Basel ein Orgelkonzert in der zum Waisenhaus gehörenden Kartäuserkirche angehört. Das Waisenhaus und die Kirche sind ein schöner alter Ort, es war wunderbar dort mit dem Orgelkonzert einen Moment der Stille zu erleben.
* Ganz und gar nicht still war es im Museum der Kulturen. Dort habe ich mit einer Kurzführung die Ausstellung „Das Geheimnis“ besucht, nach der Führung bin ich noch alleine durch diese Ausstellung geschlendert. Besonders witzig fand ich die Mitmachaktion. Man sollte ein Geheimnis aufschreiben, das man noch nie jemandem erzählt hat und in eine Art Briefkasten werfen. Die „Geheimnisse“ sollen dann (zumindest zum Teil) auf www.stille-post.ch erscheinen …..
Das Thema „Geheimnis“ fand und finde ich sehr spannend, auch das wäre sicherlich einen eigenen Blogbeitrag wert….
Der Museumsshop war am Abend der Museumsnacht übrigens geschlossen, den Besuch habe ich am nächsten Tag nachgeholt und dort ein „Solar Jar“ gefunden – ein Einmachglas mit einem Solardeckel, das angeblich so hell leuchtet, daß man damit draußen lesen kann. Ich werde das im Sommer testen ……
* Wirklich witzig waren die Hüte, die man im Spielzeug Welten Museum bekommen konnte – ein schwarzer Zylinder aus dem oben ein weißer Hase hinausschaute. Wenn die Schlange vor dem Museum nicht so wahnsinnig lang gewesen wäre ………
Die Hüte begegneten mir den ganzen Abend über, ich war fast ein bißchen neidisch …….
* Das Highlight meines Abends war die Zeit im Münster. Ich war im Laufe des Abends immer wieder dort und habe ganz unterschiedliche – vor allem musikalische – Eindrücke gesammelt.
Meine „Entdeckung“ des Tages waren die „Fanfares pour tous les temps“ von Georges Delerue, in der Atmosphäre des Münsters war der Klang einzigartig!
Schön waren auch die Ausschnitte aus Telemanns Tafelmusik D-Dur und Brahms Klarinettenquartett h-Moll, die ich mitbekommen habe.
Den Gänsehautmoment des Abends hatte ich als das Sinfonieorchester im spärlich beleuchteten Münster Bachs Air aus der Orchester Suite 3 D-Dur spielte ….
Den Abschluß bildete die Abendserenade aus den Bergen mit dem (festhalten!!) „Alphorn-Ensemble des SOB“.
* Das Münster an sich fand ich sehr spannend. Ich hatte eine Führung im Rahmen der Museumsnacht, am anderen Tag besuchte ich im Rahmen einer Stadtführung noch einmal das Münster. Es gab da unglaublich viele spannende Geschichten und Fakten. Ich wußte gar nicht, daß Basel einen eigenen Reformator hatte – nämlich Johannes Oekolampad. Den Namen hatte ich vor meinem Baselbesuch noch nie gehört …. Er ist – genauso wie Erasmus von Rotterdam – dort begraben.
Vor der Kanzel (die sogar noch aus der Zeit vor der Reformation stammt) gibt es im Boden einen Drachen. Dieser Drache hat einen roten Kopf – was ihn als hochgefährlichen Drachen kennzeichnet. In früheren Zeiten stampfte man auf diesem Drachen auf und vertrieb so das Böse aus seinem Leben.
* Erasmus von Rotterdam zog es wegen des Buchdrucks nach Basel. Ich fand diese gedankliche Verbindung zu meiner Reise nach Innsbruck spannend. In der Schweiz haben sich aber – zumindest auf den ersten Blick – mehr eigenständige Verlage erhalten als in Österreich.
* Was ich während der Führung am Samstag besonders spaßig fand: die Vorführung des Basler Schwimmfisches. Mit der Hilfe eines siebenmal eingerollten Fisches kann man seine Wertsachen beim Baden trocken mitnehmen. Unsere Stadtführerin hat uns das Einrollen (nicht das Schwimmen, dafür war es zu kalt) live vorgeführt …… und sie hat ausdrücklich bestätigt, daß die Sachen trocken bleiben …….
* Kulinarisch genial (und auch erstaunlich günstig) war das Essen im Bistro des Museums für Kulturen, ebenfalls kulinarisch genial waren die Faschingswähen mit Kümmel (Bäckerei Sutter in der Nähe der Mittleren Brücke). Gut, daß ich mir gleich zwei gekauft hatte……

Insgesamt eine schöne Reise mit tollen Entdeckungen und dem Wunsch, irgendwann wiederzukommen!