Eingeschlafen…..

Heute vor einem Jahr ist meine Mutter gestorben.

Gegen halb acht am Morgen klingelte mein Telefon – ja, das Telefon, das ich schon neben meinem Bett liegen hatte. Eine Mitarbeiterin vom Hospiz teilte mir mit, daß meine Mutter eingeschlafen ist. „Das ist gut!“ war meine erste und sehr ehrliche Antwort. Meine Mutter hatte auch während der Nacht alle paar Stunden Morphium bekommen. Als sie am frühen Morgen die nächste Gabe erhalten sollte, war sie – im Schlaf – für immer eingeschlafen. Ob ich sie nochmal sehen könnte, fragte ich. Ja, ich solle mir ein bißchen Zeit lassen, man wolle alles ein bißchen herrichten. Ich rief meine Tante (die Schwester meiner Mutter) an, um auch sie zu informieren, machte mich langsam fertig und war gegen 9 Uhr im Hospiz. Als mich dort der nette Pfleger umarmte kamen die Tränen. Auch wenn ich ihr so sehr gewünscht habe, daß sie gehen kann, weil das Leben nicht mehr schön für sie war, so war ich in dem Moment doch unendlich traurig.

Vor die Tür ihres Zimmers hatten die Hospizmitarbeiter einen kleinen Tisch mit einem Kreuz und einer Kerze. Ich habe das und auch die Herrichtung des Zimmers als sehr liebevoll empfunden.

Das Zimmer war kühl und etwas dunkel als ich eintrat. Ich habe die Hände meiner Mutter berührt und gestreichelt. Ihre Hände waren noch warm. Auch ihr Gesicht habe ich gestreichelt. Dann habe ich mich noch einmal an ihr Bett gesetzt und ganz still in meinen Gedanken mit ihr gesprochen. Es war gut, mit ihr noch einmal alleine zu sein! Irgendwann habe ich dann für mich ein paar Fotos gemacht – vor allem wollte ich ein Foto von ihrer und meiner Hand als „Abschiedsbild“. Ihre Hände wurden langsam kühler.

 

Nach einiger Zeit habe ich mich dann den eher „praktischen“ Dingen zugewandt und angefangen, den großen Koffer wieder zu packen. Das ging erstaunlich schnell und bald war das Zimmer – bis auf meine tote Mutter – fast leer. In dem Moment kam auch eine Hospizmitarbeiterin um mit mir über die nächsten Schritte zu sprechen. Der erste Schritt war die Beauftragung eines Bestattungsinstitutes. Ja, stimmt – ich kannte nur keines und eine „Blindauswahl“ aus dem Telefonbuch erschien mir falsch. Das Hospiz durfte keine Empfehlungen aussprechen. Also habe ich mich von meiner Mutter verabschiedet und bin mit dem großen Koffer und diversen Taschen mit dem Taxi nach Hause gefahren, um in Ruhe nachzudenken. Für die sicher nett gemeinten Smalltalkversuche des Taxifahrers hatte ich kein Ohr.

Zuhause fiel mir dann glücklicherweise ein, daß eine liebe Berliner Freundin aus beruflichen Gründen viele Bestattungsunternehmen kennt. Diese Freundin habe ich dann angerufen. Sie hatte erst noch einen anderen Termin und ich saß etwas unruhig und ungeduldig herum. Aber nach knapp einer Stunde meldete sie sich und wir führten ein ziemlich langes Telefongespräch, in dem sie mir auch drei konkrete Unternehmen empfahl. Außerdem gab sie mir noch den guten Rat, daß der Redner bei der Bestattung sehr wichtig ist. Eines der von ihr genannten Unternehmen rief ich dann an. Schon für den frühen Nachmittag bekam ich einen Gesprächstermin.

Was auch anstand? Meinen Vater anrufen, der zwar seit über 30 Jahren von meiner Mutter getrennt lebte, dies aber natürlich erfahren mußte. Mein Vater weinte sehr am Telefon. Meine Eltern hatten in den ganzen Jahren eigentlich nur über mich Kontakt und meine Mutter hatte nicht gewollt, daß er von ihrer Erkrankung erfuhr. Es muß ziemlich hart für ihn gewesen sein, daß alles plötzlich am Telefon zu erfahren.

Als nächstes kam das Gespräch mit dem Bestattungsunternehmen. Meine Mutter hatte mir ihre Wünsche sehr deutlich genannt: ein Rasenreihengrab auf dem Friedhof Bredtchen und der billigste Sarg. Außerdem hatte ich in meinem Ordner eine „Liste“ der Menschen, die ich informieren sollte. Das hat mir vieles in diesen Tagen erleichtert. Das Gespräch im Bestattungsinstitut war sehr angenehm und gut. Schnell hatten wir einige wesentliche Dinge geklärt und ich fühlte mich in den Händen von Frau Schlingmann (Bestattungsinstitut Ernst) sehr wohl – vor allem, weil sie zwar Vorschläge gemacht hat, mich aber in keiner Weise zu irgendetwas gedrängt hat. Eine wesentliche Frage bereitete mir allerdings Bauchschmerzen – der Pfarrer. Aufgrund einer Meinungsverschiedenheit vor vielen vielen Jahren war meine Mutter auf den zuständigen Pfarrer überhaupt nicht gut zu sprechen (es ging damals um einen Schlüssel, den ich angeblich nicht abgegeben hatte). Ich konnte ihr das nicht verdenken und konnte mir diesen Pfarrer daher überhaupt nicht als Redner bei der Beerdigung meiner Mutter vorstellen. Glücklicherweise konnte Frau Schlingmann mir auch in diesem Punkt helfen und mir einen wunderbaren Pfarrer ohne feste Gemeinde als Redner vermitteln.

Ausgestattet mit einem Ordner mit Entwürfen für Trauerbriefe und ganz vielen Informationen ging ich dann noch kurz in die Stadt, schwarze Schuhe und schwarze Handschuhe kaufen. Alles andere hatte ich ja schon.

Es mag merkwürdig klingen, aber ich meine das ernst: es war ein guter Tag!

 

Ein Gedanke zu „Eingeschlafen…..“

  1. Danke, liebe Astrid Christofori, für diesen berührenden Bericht. In manchem fühlte ich mich an den Abschied von meinem Vater erinnert, der im September 2017 gestorben ist und der auch gut gehen konnte. Es ist wichtig, über das Thema Sterben und Tod angstfrei und unbefangen zu sprechen. Wir alle machen uns über die letzten Dinge viel zu viel negative Gedanken. Dass der Abschiedstag von der Mutter ein guter sein kann – hey, das gibt doch Hoffnung! Es gut gut, so über den Tod zu lesen.

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