1. Dezember – Lenas Tagebuch

1. Dezember 2014
Kalt ist es heute am frühen Morgen. Ich bin froh, daß ich meine Handschuhe eingesteckt habe und auch nicht lange auf den (warmen) Bus warten muß. Ich bin aber auch ziemlich früh unterwegs. Schon um 5.30 Uhr bin ich an der Bushaltestelle. Eine für mich ungewöhnlich frühe Zeit – so früh, daß ich nicht einmal an ein Frühstück denken mag.

1. Dezember 1941
„Heute bin ich satt.“ schreibt die 17jährige Lena Muchina in ihr Tagebuch. Am 22. Mai 1941 hat sie ihr Tagebuch begonnen. Die Einträge aus den ersten Wochen schildern das völlig normale Leben einer 16jährigen. Es geht um Schule und Schulnoten, Freundschaft und Verliebtsein. Aber am 22. Juni 1941 ändert sich Lenas Leben drastisch. Deutschland überfällt an diesem Tag Russland und Lenas Berichte über ihr Leben in Leningrad greifen auch dieses Thema sofort auf. Anfänglich schildert sie vor allem die vielen Fliegeralarme, die Nachrichten und auch ihren Arbeitsdienst außerhalb von Leningrad. Aber mit dem beginnenden Herbst wird die Versorgungslage in Leningrad immer schwieriger und das Thema „Essen“ beziehungsweise „Hunger“ nimmt mehr und mehr Raum ein. An ihrem Geburtstag am 21. November 1941 fragt Lena „Wann werden wir wieder satt sein?“

1. Dezember 2014
Lenas Satz „Heute bin ich satt“ bewegt mich. Es ist ein Satz, den ich „so“ noch nie in meinem Leben geschrieben habe und mit diesem Gedanken verbinde ich viel Dankbarkeit. Wenn ich an „satt“ denke, dann eher an „pappsatt“ oder „ich habe das satt“ – aber nicht an das elementare und bohrende Gefühl von Hunger. Und dabei ist Lenas Eintrag vom 1. Dezember 1941 eigentlich erst der Anfang einer langen Leidenszeit – für die Leningrader Bevölkerung und eben auch für Lena und ihre Familie. Lenas Bericht ist ein Zeugnis dieser Zeit aus einer belagerten Stadt, geprägt von Hunger und Not, von Tod und Trauer, aber auch vom Überlebenswillen und gegenseitiger Unterstützung.

Lenas Tagebuch von Lena Muchina habe ich vor ein paar Tagen eher zufällig in einer Frankfurter Bahnhofsbuchhandlung entdeckt und sofort gelesen – für mich ein guter Fund und definitiv ein Buch, das mich in diesem Jahr bewegt hat!

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