Über das Sterben reden?

Ja, unbedingt! Man könnte fast meinen, daß ich mich im Moment nur noch mit dem Thema Krankheit und Tod beschäftige. Das ist keineswegs der Fall. Aber es gibt Momente, wo ich mich an Gespräche der letzten Jahre erinnere und dies als Anlaß empfinde, über diese Themen zu schreiben. Gestern war es der Tatort am Sonntagabend, heute ist es der RTL-Bericht „Sterben gehört zum Leben dazu“ in dem Sabine Dinkel und ihre Sterbeamme Claudia Cardinal über das Leben und das Sterben sprechen. Ich habe mir das Video gerade angeschaut und finde es aus vielen Gründen wunderbar.

Was ist wenn ….?
Vor vielen Jahren (Advent 1994) habe ich zum erstenmal bewußt mit meiner Mutter über das Thema Tod gesprochen. Also bewußt in dem Sinne, daß es nicht um den Tod anderer Menschen ging, sondern um ihren eigenen Tod. Der Einstieg war banal und trotzdem ein guter Auftakt. Wir saßen gemeinsam am adventlich geschmückten Frühstückstisch. Meine Mutter sollte weniger Tage später an der Schilddrüse operiert werden. Eine Standardoperation, bei der nur selten gravierende Probleme auftauchen. Aber irgendwie war da der Gedanke „was wäre wenn….“. Ich habe an diesem Morgen meine Mutter nach den Rezepten für meine Lieblingsspeisen gefragt. Sie war zunächst erstaunt, hat dann aber verstanden, worum es mir ging und wir hatten plötzlich ein Gespräch über den Umgang mit dem Tod. Wir wußten jetzt beide, daß wir über dieses Thema sprechen können. Die Schilddrüsenoperation ein paar Tage später verlief problemlos und ja, ein paar Rezepte habe ich vorher auch bekommen.

Viele Jahre später (2012) erkrankte meine Mutter an Krebs. Es war in diesem Moment nicht so harmlos, wie die Schilddrüsenoperation von damals. Aber wir wußten, daß wir über das Thema Sterben und Tod sprechen können und das haben wir auch gemacht. Wir haben im Laufe der Zeit über Vollmachten und Patientenverfügung gesprochen, über Behandlungsmethoden, die sie akzeptiert oder ablehnt, über ihre Vorstellungen von ihrer Beerdigung. Ich hatte unter meinem Schreibtisch einen Order stehen, in dem ich die Dokumente und Wünsche aufbewahrt habe. Als der Tag „X“ gekommen war, habe ich den Ordner hervorgezogen und war vorbereitet. Ich kannte ihre Wünsche (Rasenreihengrab), ich wußte, wen ich informieren sollte, ich wußte sogar, welches Lied sie sich gewünscht hat. Es hat mir wahnsinnig geholfen, daß ich in dem Moment der Traurigkeit immer das Gefühl hatte, daß ich jetzt genau das mache, was sie sich gewünscht hat.

Aber das Leben und das Lachen nicht vergessen!
So wichtig es ist, über das Sterben und den Tod zu reden, so wenig sollte man das Leben und das Lachen vergessen. Meine Mutter war immer ein sehr fröhlicher, humorvoller und aktiver Mensch. Das hatte sich durch die Krankheit nicht geändert. Wir haben in den Jahren viel gelacht, viel unternommen und viel zusammen genossen. Ganz wichtig war es meiner Mutter, daß die Krankheit in unserem Alltag nicht ständig im Vordergrund steht. Ganz am Anfang ihrer Erkrankung haben wir daher eine Vereinbarung getroffen: sie durfte mich jederzeit auf das Thema Krankheit ansprechen – zum Beispiel wenn sie Fragen hatte, wenn es ihr nicht gut ging, wenn sie Nebenwirkungen von der Chemo hatte. Ich durfte vor Terminen natürlich fragen, ob sie etwas braucht (ausgefüllte Formulare, Fragen sammeln, sie begleiten), ansonsten hat sie bestimmt, ob und wann wir über die Krankheit sprechen. Wir sind mit dieser Vereinbarung gut „gefahren“. Es gab – trotz Chemos und Nebenwirkungen – einen normalen Alltag – mit vielen Späßen, viel Gelächter, schönen Gesprächen über tausend Themen, schöne Spaziergänge und Ausflüge. Das sind alles Dinge, die ich heute in meiner Erinnerung trage und die mich tragen.
Natürlich gab es auch weniger schöne Tage. Es gab Tage, an denen es meiner Mutter nicht gut ging. Es gab Tage, an denen sie oder ich völlig unabhängig von der Krankheit schlechter Stimmung waren, es gab Tage, an denen wir nicht genug Geduld miteinander hatten. Aber das alles ist normal und diese Normalität war für meine Mutter unglaublich wichtig.

Die Ambivalenz aushalten!
Ich mußte beim Schreiben gerade an diesen Satz denken, den Goethe Faust in den Mund legt: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Der schöne Augenblick beinhaltet immer schon das Vergehen dieses Augenblicks und die Verwandlung in etwas anderes, nämlich in Erinnerung, und niemals war mir das bewußter als in den letzten Jahren. Über jeden schönen Ausflug habe ich mich gefreut und ihn genossen und oft war da diese kleine Stimme, die fragte „wird es ein nächstes Mal geben“? Gerade in den letzten Monaten und Wochen fiel es mir zunehmend schwerer diese Ambivalenz auszuhalten. Oft schossen mir in besonders schönen Momenten oder in Gesprächen mit anderen Menschen die Tränen in die Augen. „Nicht weinen“ hat meine Mutter oft gesagt – ihr war das wichtig, vor allem, weil meine Tränen ihren Weg noch schwieriger machten. Tief durchatmen und wieder lächeln – das war nicht immer einfach, aber es hat mir auch in der schwierigen Zeit viele wunderbare Erlebnisse und Momente mit meiner Mutter beschert!

Wenn ich heute aus dem Fenster auf den Garten schaue, dann sehe ich die Blumen, die meine Mutter mit mir zusammen im September als Blumenzwiebeln eingepflanzt hat. Es hat uns beiden Spaß gemacht und es ist schön, in diesem Moment mit einem Strauß kleiner Osterglocken vor Augen an sie zu denken.

Paßt das für jeden?
Nein, das paßt nicht für jeden. Menschen sind sehr unterschiedlich und das ist gut so. Ich fand es aber in dem Film wunderbar, daß die Sterbeamme gerade nicht die traurige Seite in den Vordergrund stellt. Diese Seite beherrschen wir Menschen meistens schon alleine sehr gut. Es ist oft viel schwieriger in schwierigen Moment auch das Schöne, das Leichte und das Fröhliche zu sehen und zu leben. Manchmal gehen diese Momente auch einfach im Alltag unter – wie schön, wenn es dann Menschen gibt, die einen an die Hand nehmen und begleiten und die trotzdem die Ambivalenz der Gefühle aushalten.

Ich selbst denke jetzt intensiver über mein Leben und mein – irgendwann kommendes – Sterben nach. Dieses Nachdenken ist wichtig, weil es mir gleichzeitig die Schönheit des Lebens aufzeigt. Es ist wie mit einer Blume. Sie wächst heran, blüht und irgendwann ist sie verblüht. Das Verblühen gehört zum Kreislauf des Lebens und das ist gut so. Aber die Blütezeit genießen solange sie dauert, das ist die wunderbare Aufgabe, die ich jetzt habe!

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