Leseliste 2020

Sozusagen die Fortsetzung der Leseliste 2019…..

Bewertung
*** sehr gut
** gut
* in Ordnung
kein Stern kein Kommentar

Ian McEwan: The Cockroach (05.05.2020) ***
Ein geniales Buch. An einem Abend im Januar wollte ich eigentlich in Düsseldorf ins Theater. Aus technischen Gründen fiel die Vorstellung aus, die angebotene Alternative sprach mich in dem Moment nicht an und so landete ich – wenig überraschend – um die Ecke in einer Buchhandlung. Von allen Seiten schaute mich dort die deutsche Übersetzung von Ian McEwans Buch an. Ich war etwas verwirrt und suchte erst einmal nach der englischsprachigen Version ….. (das einzige Buch, das ich an diesem Abend gekauft habe!). Eine Kakerlake schleppt sich über Londons gefährliche Straßen und landet geradewegs in Downing Street Nr. 10. Dort schläft sie ein und wacht am nächsten Morgen nicht mehr als Kakerlake auf, sondern als Mensch, genauer gesagt als der Regierungschef Jim Sams (nette Anspielungen auf ein anderes Werk der Weltliteratur, oder?). Jim Sams leitet nun die Regierung und erkennt an seinem Kabinettstisch, daß er nicht das einzige Insekt am Tisch ist. Gemeinsam ändern sie die britische Politik, um am Ende als Kakerlaken wieder in den Straßen Londons zu verschwinden. Eine witzige bitterböse Persiflage englischer Politik und Politiker (mit „netten“ Anspielungen auf Europa und auch über den Teich…). Ein geniales Buch!

Tom Hillenbrand: Der Kaffeedieb (03.05.2020) ***
Das Buch stand schon länger in meinem Regal. Ich hatte es schon 2018 auf einem Tagesausflug nach Frankfurt dabei. Ich habe im Biergarten angefangen zu lesen und irgendwie kam dann soviel dazwischen, daß das Buch ungelesen im Regal landete. Als ich vor ein paar Tagen nach einer Leseanregung suchend vor meinem Regal stand war endlich der richtige Zeitpunkt gekommen – ich habe es in wenigen Tagen ausgelesen. Es ist ein spannendes Buch – für mich eine Art Mischung aus historischem Roman und Krimi. Es ist eine Reise durch die Welt des 17. Jahrhunderts, durch die Kaffee- und Gelehrtenstuben, die politischen und wirtschaftlichen Ränkespiele und durch die damalige Welt des Reisens. Und das alles, um „ein paar“ Kaffeepflanzen aus Arabien zu holen (genauer gesagt zu stehlen). Ein schönes und spannendes Buch, das ich gerne gelesen habe!

Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber (20.04.2020) ***
Ich weiß gar nicht, wann ich dieses Buch gekauft habe. Es stand (wie so viele andere auch) schon länger in meinem Regal. Ich hatte es gedanklich nicht einmal mehr mit dem Thema „Pandemie“ oder „spanische Grippe“ in Verbindung gebracht, als ich es aus dem Regal zog. Völliger Zufall also, daß ich mitten in der Corona-Pandemie anfing dieses Buch über die spanische Grippe zu lesen. Wohlgemerkt ein guter Zufall. Ich fand es hilfreich, mich mit der Geschichte der spanischen Grippe zu beschäftigen. Vieles, was wir in den letzten Wochen diskutiert haben, war auch damals Thema.

Frank Wedekind: Lulu (10.03.2020) **
Wedekinds Lulu war noch „Theaterlektüre“ – ich wollte mir Lulu anschauen und wollte (wie meist) das Stück vorher lesen. Ohne den Anreiz die Aufführung zu besuchen, hätte ich dieses Stück vermutlich nicht gelesen. Das Stück ist nicht schlecht, aber es hat mich auch nicht begeistert. Gerade deswegen wäre es spannend (gewesen), es auf einer Bühnen zu erleben. Mal sehen, ob das irgendwann noch klappt…..

7. Francois Garde: L’Effroi (08.02.2020) ***
Ein berühmter französischer Dirigent soll (irgendwann in diesem Jahrtausend) die Oper „Cosi fan tutte“ dirigieren. Das Orchester sitzt bereits im Orchestergraben, der Dirigent kommt, dreht sich zum Publikum, zeigt den Hitlergruß und sagt „Heil Hitler“. Ein Musiker, Sebastien Armant, fühlt ein großes Entsetzen – er kann so nicht einfach die Oper spielen. Er steht auf und dreht sich mit dem Rücken zum Dirigenten. Eigentlich würde er gerne gehen, aber er kommt nicht durch das Orchester durch. Seine spontane Geste der Ablehnung verändert alles – den Abend und sein Leben. Er wird zu einer Medienpersönlichkeit – mit allen positiven und negativen Folgen.
Ich fand das Buch sehr gut. Irritierenderweise las ich es, als „Erfurt“ passierte – auch ein Moment wo ein spontanes „Nein“ einen großen Unterschied gemacht hätte…….

6. Paul Assouline: Le Portrait (01.02.2020) **
Beim „Aufräumen“ meines Bücherregals habe ich die französischsprachigen Bücher mal wieder „umgeräumt“ und dabei fiel mir das Buch von Pierre Assouline in die Hände. Ein sehr spannendes Thema. Betty Baronin Rothschild stirbt und ab diesem Moment lebt sie in dem Gemälde weiter, das Ingres von ihr gemalt hat. Dieses Weiterleben ist nicht bloß symbolisch. Sie lebt im Gemälde und aus der Perspektive des Gemäldes erlebt sie, wie um sie getrauert wird, wer sich in dem Raum trifft, worüber gesprochen wird und sie wandert (mit den jeweiligen Besitzern des Gemäldes) durch die Zeiten. Den Ansatz fand ich sehr spannend, manche Episoden waren mir aber – mangels Kenntnis der französischen Berühmtheiten der jeweiligen Zeit – zu lang, trotzdem fand ich das Buch und eben diese besondere Perspektive sehr gut.

5. Paul Guimard: L’ironie du sort (22.01.2020) ***
Es war ein zufälliger Griff ins (neu aufgeräumte) Bücherregal, das mir dieses Buch „lieferte“ und bei dem Titel (Ironie des Schicksals) konnte ich nicht nein sagen. Guimard erzählt die Geschichte von Antoine, der 1943 in Nantes in einer Septembernacht einen deutschen Offizier umbringen soll. Was, wenn er erfolgreich ist? Was, wenn nicht? Wie entwickelt sich die Geschichte, wie entwickelt sich sein Leben (oder sein Sterben) und was ist mit den Menschen in seinem Umfeld? Wie wird deren Leben verlaufen? Es ist dieser eine Moment in dieser Septembernacht, dieses „ja“ oder „nein“, das zu völlig unterschiedlichen Lebensverläufen bei ganz vielen Menschen führen wird. Guimard erzählt diese unterschiedlichen Alternativen, jede für sich genommenen ein vollständiger und möglicher Ablauf. Ein faszinierender Gedanke und ein ebenso faszinierendes Buch!

4. Olivier Guez: La Disparition de Josef Mengele (15.01.2020) ***
Guez hat die Lebensgeschichte von Mengele nach 1945 anhand der vorhandenen Informationen in einem Roman verpackt, der die Flucht nach Südamerika, die einzelnen Lebensstationen, die Kontakte zu anderen SS-Größen (Eichmann zum Beispiel) aber auch die Unterstützung durch die Familie in Deutschland sehr anschaulich darstellt. Der Roman basiert auf einer umfassenden Recherche, der Autor nutzt aber bewußt die Form des Romans, um das, was er nicht wissen kann, auch nachvollziehbar und erzählbar zu machen. Ich fand das Buch sehr spannend und sehr informativ, gerade weil es nicht „anklagt“, sondern „nur“ erzählt. Gleichzeitig war es für mich eine gute Art, mich mit den Versäumnissen dieser Zeit (und deren Auswirkungen auf die heutige Zeit) gedanklich zu beschäftigen.

3. Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit (10.01.2020) ***
Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen, auch weil es auf sehr einfühlsame Weise Geschichten zu den Themen erzählt, die auch meine Themen sind – den Umgang mit Tod, Verlust und Einsamkeit. Es ist eine völlig andere Geschichte als meine, aber ich fühlte mich dem Ich-Erzähler sehr verbunden, an einer Stelle (wo es um den Umgang mit einer Krebserkrankung geht) hatte ich sogar Tränen in den Augen (ja, das ist der Teil der tatsächlich etwas mit meinen Erfahrungen zu tun hat). Und die Frage, was an einem selbst wirklich „unveränderlich“ ist, was nicht „kaputtgehen darf“, finde ich sehr spannend. Für mich eine sehr lohnende Lektüre!

2. Gladys Mitchell: Death comes at Christmas (05.01.2020)
Eigentlich mag ich Krimis, aber dieses Buch habe ich nur zu Ende gelesen, weil ich immer gehofft habe, daß es irgendwann besser wird. Mrs Bradley, die „ermittelnde“ Hauptperson des Buches war mir von Anfang an nicht sympathisch – vielleicht auch deswegen, weil sie in diesem Buch wirklich jede andere Person mit „child“ anspricht….. Für mich paßte es jedenfalls nicht.

1. Robert Menasse: Die Vertreibung aus der Hölle (01.01.2020) ***
Gefühlt hatte ich dieses Buch schon seit ewigen Zeiten irgendwo im Regal stehen. Ich habe es irgendwann angefangen, ein kleiner Verlagsprospekt diente als Lesezeichen, weit war ich nicht gekommen, aber irgendwann habe ich das Buch nur noch beim Aufräumen in der Hand gehabt – so auch kurz vor Weihnachten beim Versuch des großen Aufräumens….. Und diesmal packte mich das Buch. Die Mischung aus zwei ineinander verzahnten Geschichten – der von Viktor Abravanel im „heutigen“ Wien und der von Manoel Soeira im Portugal von Anfang des 17.Jahrhunderts ist gleichzeitig faszinierend und beklemmend. Es geht um die Frage, ob beziehungsweise wann man dazugehört (ein Thema, das ich persönlich sehr wichtig finde), was man verschweigt und warum und wie eine Gesellschaft mit diesen Dingen umgeht – dargestellt am Schicksal der Marranen (iberischen Juden, die unter Zwang zum Christentum „bekehrt“ wurden) und jüdischen Menschen im Wien der Nachkriegszeit. Es war ein Buch, das mir sehr eindrücklich die Geschichten von Flucht, Unterdrückung und erzwungener Lüge nahegebracht hat. Gerade für die Feiertage war das eine sehr gute Lektüre.

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