40

Die 40 ist nicht unbedingt eine Zahl, die Leichtigkeit mit sich bringt. Eher im Gegenteil.

Seit Anfang Januar lese ich im Rahmen des 3. Buchclubs vom Staatstheater Augsburg das Buch Früchte des Zorns. Dort bin ich der „40“ begegnet. Im 17. Kapitel wird geschildert, wie sich die nach Westen wandernden Familien am Abend am Straßenrand in spontanten „Camps“ einfinden und wie das Leben dort ist. Gelegentlich holt einer der Männer eine Gitarre heraus und spielt und singt, nämlich unter anderem das Lied „Ten-Cent Cotton and Forty-Cent Meat“. Danach habe ich natürlich gesucht und es als Lied „Seven Cent Cotton and Forty Cent Meat“ von 1930, aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise, gefunden. Farmer bekamen damals so wenig für ihre Baumwolle, dass sie mit ihrer Arbeit eben nicht mehr das für sie und ihre Familien Notwendige abdecken konnte. Eine harte Zeit für die betroffenen Familien, wie man im Buch lesen kann.

Ja, schlimm. Aber wohl noch schlimmer ist das Schicksal der Armenier, das Franz Werfel im Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh, geschildert hat. Es ist ein Buch, das ich im Moment tatsächlich lese, weil ich das Thema wichtig finde. Sehr weit bin ich noch nicht gekommen. Auch, weil es kein Buch ist, das man „einfach so“ herunterlesen kann, denn es schildert in der Romanform einen Ausschnitt von dem, was den Armeniern in der Zeit von 1915 bis 1917 passiert ist. Franz Werfel und seine Frau Alma Mahler waren 1929/1930 auf einer Recherchereise im Nahen Osten. Dort erfuhren sie von dieser Geschichte und konnten sogar mit einigen Überlebenden sprechen. Zurück in Wien besorgte sich Werfel offizielle Unterlagen und recherchierte sehr umfassend (man kann einiges davon hier nachlesen). Ende November 1933 erschien das Buch, 1934 wurde es in Deutschland verboten.
Was es mit den „40“ Tagen auf sich hat? Man kann es hier zusammengefaßt nachlesen – im Prinzip haben sich einige Menschen aus der Region der Dörfer um den Berg Musa Dagh gemeinsam zur Verteidigung auf den Berg zurückgezogen. Nach 40 Tagen kommt im Roman für die Überlebenden die Rettung – durch britische und französische Schiffe. Ein trauriges aber wichtiges Buch, das ich in Ruhe in den nächsten Tagen und Wochen weiterlesen werde.

Die 40 ist auch eine Zahl der Erinnerung, nämlich für die Widerstandskämpfer:innen die als „Gruppe 40“ auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt wurden, 2013 wurde dieser Ort zur Gedenkstätte erklärt.

Die 40 ist natürlich auch die Zahl, die uns an tödliche Krankheiten und Epidemien erinnert. Schon im 14. Jahrhundert durften pestverdächtige Schiffe in Venedig nicht einfach im Hafen anlegen, es galt eine Reisesperre von vierzig Tagen. Die „quarantaine“ (also 40) führte zum Begriff der „Quarantäne“ für die Isolierung bei solchen Erkrankungen. Kein schönes Thema, ich weiß.

Auch nicht wirklich schön finde ich den Gedanken einer 40-tägigen meditativen Nachtwache. Der persische Dichter und Mystiker Hafis soll das wohl im Alter von 60 Jahren gemacht habe. Das „Ergebnis“ soll eine Bewusstseinserweiterung gewesen sein. Ich würde nicht einmal ein oder zwei Tage durchhalten …..

Sprechen wir lieber über Zeitplanung – denn es gibt die 40 – 60 Regel. Wenn man für jeden Tag nur 60% der Zeit verplant, dann kann man Überraschungen, zeitlich gut auffangen. Einerseits eine gute Idee, anderseits – gibt man damit nicht auch potentiellen Zeiträubern mehr Platz?

Von den Zeiträubern ist es nicht weit zu den 40 Räubern, mit denen Ali Baba zu tun hat. Es ist lange her, dass ich diese Geschichte gelesen habe. Waren es wirklich vierzig Räuber? Oder nur 38, wie am Ende des Märchens? Oder vielleicht einfach nur viele, weil man die Zahl so „versteht“? Wie auch immer, Ali Baba hat gleichzeitig verloren und gewonnen.

Gewinnen und verlieren paßt auch zum Kartenspiel „Trente et Quarante“ (30 und 40), das früher in den Spielbanken der deutschen Badeorte weit verbreitet war und heute wohl nur noch in den Casinos in Frankreich und Monte Carlo gespielt wird. Witzigerweise hat der Roman „Die Spielhölle in Baden-Baden“ von Edmond About den Untertitel „Trente et Quarante“.
Vielleicht dann doch lieber die – zumindest finanziell harmlose – 40 Räuber Patience?

Egal wie, ich wünsche Euch und Ihnen einen schönen Abend, an dem Euch/Ihnen der Optimismus nicht geraubt wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.